Paten-Tandem auf dem Tempelhofer Feld lacht in die Kamera

1. Dezember 2020

Langzeitstudie zeigt: Patenschaften verbessern Bildungschancen

Die Studienergebnisse im Überblick

Eine im Juni 2020 veröffentlichte Langzeitstudie von Verhaltensökonomen der Universität Bonn zeigt: Mentoring kann die Chancen benachteiligter Kinder erhöhen, auf das Gymnasium zu kommen.
Die Forscher*innen untersuchten hierfür den Einfluss von Freizeit-Patenschaften auf die Bildungschancen von Grundschulkindern aus Familien mit niedrigem sozialökonomischem Status. Ein Jahr Mentoring bewirkte, dass 20% mehr von ihnen auf ein Gymnasium wechselte als Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status ohne Förderung durch eine Patenschaft.

Die Gründe für die langfristigen positiven Effekte der Patenschaften sehen die Forscher*innen u.a. darin, dass sowohl Kinder als auch Eltern durch das Mentoring darin ermutigt werden, sich für einen höheren Bildungsweg zu entscheiden.

Link zur Studie: Armin Falk, Fabian Kosse und Pia Pinger: Mentoring and Schooling Decisions: Causal Evidence. IZA Discussion Paper Series No. 13387, 2020

Politischer Handlungsbedarf für wirksames Engagement

Franziska Haberland, Leiterin des Patenschaftsprojekts „Neuköllner Talente“ in der Bürgerstiftung Neukölln, sieht auch politischen Handlungsbedarf:

Die vergleichsweise hohe Bildungsungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem ist spätestens seit Einführung der PISA-Studie allgemein bekannt und diskutiert. Dennoch hat sich seit der ersten Studie vor 20 Jahren bis heute wenig in Richtung Durchlässigkeit und Chancengerechtigkeit getan.
Insbesondere Neuköllner Kinder erleben häufig Diskriminierung in doppelter Hinsicht: Zum einen werden die Kinder teilweise in den Schulen vom Lehrpersonal demotiviert, da ihnen ein Bildungsaufstieg (aufgrund sozio-kultureller/ sozio-ökonomischer Hintergründe) nicht zugetraut wird. Zum anderen sind ihre Eltern oft aufgrund von Sprachbarrieren und/oder Bildungsunerfahrenheit nicht in der Lage, ihre Kinder entsprechend zu fördern bzw. mit den Schulen adäquat zu kommunizieren.

Die Corona-Pandemie mit Lockdowns, Quarantänemaßnahmen, Homeschooling, etc. wirkt auf diese ohnehin schon tiefen Gräben wie ein Katalysator, der uns den Ernst der Lage noch einmal vor Augen führt. Der Handlungsbedarf ist also mehr als deutlich. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob und wie konkret Freizeitpatenschaften zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen können?

DASS Patenschaften einen deutlichen Effekt auf die Bildungschancen von Grundschulkindern aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status haben, ist nun durch die Langzeitstudie der Universität Bonn wissenschaftlich bewiesen. Diesbezüglich decken sich auch unsere Erfahrungen aus den „Neuköllner Talenten“ mit den Studienergebnissen v.a. auch hinsichtlich der nachhaltigen Langzeiteffekte. So zum Bsp. die Kommentare von 2 Pat*innen:

„Aus einem elfjährigen schüchternen Mädchen ist eine reife junge Studentin von 20 Jahren geworden.“

„Er studiert jetzt seinen Traum… Elektrotechnik.“

WIE Patenschaften diese Effekte erzielen, wird jedoch in der Studie nur teilweise erklärt und lässt sich auf verschiedene Weisen interpretieren. Aus unseren mehr als 10-jährigen Erfahrungen heraus lässt sich sagen, dass das informelle Lernen und die intensive wertschätzende Beziehungsarbeit in den 1:1 Patenschaften die Schlüssel zum Erfolg sind. So führen die vielen kleinen Momente menschlicher Begegnungen und Beziehungen in Freizeitaktivitäten zum spielerischen Erlernen sogenannter Kulturtechniken und dem Aneignen von sozialem und kulturellem Kapital. Die Wünsche der Patenkinder werden ernstgenommen, der Blick wird auf ihre Ressourcen gerichtet, sie werden ermutigt sich auszuprobieren und erleben sich als selbstwirksam. Schon so Einige haben in ihrer Patenschaft Grundlegendes wie Schwimmen oder Fahrradfahren gelernt. Und die Pat*innen beobachten bei ihren Patenkindern mehr Sicherheit, Beständigkeit, Selbstbewusstsein, Konfliktfähigkeit, Rücksicht, Offenheit, neue Interessen (Leselust, Sport, Musik) und gute Orientierung in Berlin. Scheinbar „ganz nebenbei“ entwickeln die Kinder relevante soziale Kompetenzen (sogenannte Softskills), die sich unmittelbar auch auf den Bereich der formalen Bildung und ihre schulischen Leistungen auswirken. Aber nicht nur die Kinder, auch die Eltern erfahren eine Stärkung und entwickeln durch die positiven Erfahrungen mehr Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Kindes.

Chancengerechtigkeit braucht keine gleiche, sondern eine GERECHTE Verteilung gesamtgesellschaftlicher Ressourcen, damit jedes Individuum sich mit seinen jeweiligen Fähigkeiten einbringen kann. Davon profitiert schlussendlich die Gesellschaft insgesamt, wie Armin Falk aus seiner Perspektive als Ökonom verdeutlicht hat. Doch trotz des von Falk dargestellten guten „Kosten-Nutzen-Verhältnisses“ von Patenschaftsprojekten, hangeln sich die meisten in prekären Strukturen von Projekt- zu Projektförderung. Wir wünschen uns sehr, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse alsbald auf politischer Ebene gehört werden und dementsprechende Programme mit nachhaltigen finanziellen Strukturen aufgestellt werden.

Denn nur so können die „Neuköllner Talente“ und andere Freizeitpatenschaftsprojekte weiterhin wirksames Engagement hin zu einer gerechteren Gesellschaft fördern.

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