Kazim Erdogan

Kazim Erdogan

Kazim Erdogan | Foto: Ulrike Eickers

02. Nov 2008 (ka) – 

Vom 18. Mai bis zum 1. Juni fanden in Neukölln mit N+Unterstützung die „Wochen der Sprache und des Lesens“ statt. Der Initiator Kazim Erdogan, Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln und Träger mehrerer Auszeichnungen für sein Engagement, zieht im Gespräch mit Kurt Anschütz eine erste positive Bilanz. Die Beteiligung war groß, der Leserekord mit 109 Sprachen ist gelungen – insgesamt also eine beeindruckende Demonstration Neuköllner Vielfalt. Sein Verständnis von Integrationsarbeit hat Kazim Erdogan kürzlich so formuliert: „Wir sollten nicht ständig darüber reden, was uns voneinander unterscheidet und trennt. Vielmehr sollten wir uns Gedanken darüber machen, was uns verbindet und wie wir gemeinsam etwas bewegen können.“ (in: Berlin Deutsch-Türkisch. Einblicke in die neue Vielfalt. Herausgegeben vom Beauftragten des Senats für Integration und Migration, Berlin 2008).

 

Die „Wochen der Sprache und des Lesens in Neukölln“ sind vor wenigen Tagen zu Ende gegangen. Unter dem Motto: „Gemeinsam gegen Sprachlosigkeit“ hatten sich Hunderte von Neuköllnerinnen und Neuköllnern mobilisiert, um Tausende zu erreichen. Das war doch ein großer Erfolg.

Erdogan: Auf jeden Fall. Wir haben durch mehr als 450 Veranstaltungen über 20.000 Menschen erreicht. Und nicht allein Neuköllnerinnen und Neuköllner. Die Medien haben diesmal ausführlich über das jeweilige Tagesprogramm informiert. Deshalb waren auch aus anderen Bezirken sehr viele Menschen gekommen. Nur ein Beispiel: Zu einer meiner Lesungen auf dem Karl-Marx-Platz kamen 40 Wilmersdorfer Frauen aus vielen Herkunftsländern; sie nehmen an einem Integrationskurs teil. Zwei Frauen hatten Gedichte mitgebracht, eine dritte hat sogar einen selbst gemachten Text vorgelesen –, gemeinsam haben wir da die Sprachlosigkeit aufgehoben. Das war Sprachförderung. Und welche Begeisterung bei den Frauen!

 

Der Schwerpunkt lag diesmal auf Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.

Erdogan: Mehr als 50 Kitas haben mitgemacht. Und mehr als die Hälfte der Neuköllner Schulen : mit Lesungen, mit Textworkshops, mit Theaterstücken. Und natürlich haben sie auch alle miteinander geredet!

 

Willst Du einige Veranstaltungen besonders hervorheben?

Erdogan: Alle waren „besonders“. Aber dass Horst Bosetzky am Hermannplatz in der U-Bahn gelesen hat, dass in einem rein türkischen Männercafé ein Theaterstück aufgeführt und darüber diskutiert wurde, dass Schüler der Rütli-Schule in U-Bahnwagen gelesen haben und die Fahrgäste applaudierten, das waren sicher schon ganz besondere Ereignisse.

 

Viel Beachtung hat auch der „Lesetag im BVV-Saal“ gefunden.

Erdogan: Ja, in den ersten vier Stunden gab es ein Programm für Jugendliche, danach zehn Autorenlesungen im Halbstundentakt. Nach Ausweis der Gästelisten haben mehr als 400 Menschen teilgenommen.

 

Ganz stark hat sich Hatice Akyün engagiert (www.westropolis.de/akyuen), die von sich selbst berichtet, dass sie „als Tochter von Analphabeten Deutsch lernte mit Grimms Märchen“.

Erdogan: Sie war nicht die einzige Autorin aus dem Bundesgebiet. Aber Hatice konnte sich in den zwei Wochen am meisten einbringen: mit sechs Lesungen für Erwachsene und fünf Lesungen in Schulen vor insgesamt 1.100 Schülerinnen und Schülern! Allein dies, dass aus einer Hauptschülerin eine Journalistin und Buchautorin werden kann, hat die Jugendlichen fasziniert. Ein Vorbild. Sie hat gewirkt. In ihrer Rede bei der Eröffnungsveranstaltung hat sie bereits gesagt, was für uns als Initiatoren der Lesewochen zentral ist: „Kinder aus Migrantenfamilien ohne Deutschkenntnisse ... sind eine verlorene Generation. Die deutsche Sprache ist der einzige Weg zu einem erfolgreichen Berufsleben, und sie ist der Schlüssel dafür, dass wir alle in diesem Land glücklich zusammenleben können.“ Ich denke, dass die Lesewochen auch Mut und Lust zum Deutschlernen gemacht haben.

 

Die beiden Wochen wurden mit Festen eröffnet und abgeschlossen.

Erdogan: Das Auftaktfest wurde von etwa 6000 Menschen besucht. Es konnte auf dem Richardplatz stattfinden. Darauf bin ich stolz: Ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund hat zum erstenmal den Richardplatz sperren lassen – für Literatur! Ja, darauf bin ich stolz. Beim Abschlussfest wollten wir im Schulenburg-Park einen Leserekord aufstellen: 100 plus x Menschen sollten in der Sprache ihres Herkunftslandes jeweils einen kurzen Text ihrer Wahl lesen. Im Vorfeld hat man diese Idee belächelt, wir würden nicht über 30-40 Sprachen hinauskommen, hieß es. Tatsächlich kamen wir auf 109 Sprachen. Bedauerlich war, dass die Medien von diesem Ereignis keine Notiz genommen haben: Das wäre doch eine großartige Botschaft von unserer Neuköllner Vielfalt gewesen. Aber wir haben den gesamten Lesemarathon aufgezeichnet, so dass er zumindest für die Nachwelt erhalten bleibt.

 

Du bist, wie schon vor zwei Jahren, der Initiator der Lesewochen. Veranstalter war der erst kürzlich gegründete Verein „Aufbruch Neukölln“, dessen Vorstandsvorsitzender Du bist. Aber mit Dir zusammen waren ja viele andere tätig, um den Erfolg zu gewährleisten: der Bezirksbürgermeister als Schirmherr, das Vorbereitungsteam, die zahlreichen Sponsoren aus verschiedenen Herkunftsländern.

Erdogan: Das war eine großartige Kooperation. Besonderen Dank will ich dem Bezirksbürgermeister sagen, der die Lesewochen hervorragend unterstützt hat und selbst mehrfach gesprochen hat, er hat sich zu 100% mit diesem Projekt identifiziert. Die Sponsoren haben durch Geld- und Sachleistungen das Ganze erst ermöglicht, und dass wir die Friedrich-Ebert-Stiftung als Hauptkooperationspartnerin gewinnen konnten, hat uns besonders gefreut. Ehrenamtliche, Honorarkräfte und zwei Praktikantinnen haben die organisatorische Arbeit, die bereits im März 2007 begonnen hat, geleistet; ihnen gilt mein ganz besonderer Dank. Und da Du mich für die Bürgerstiftung Neukölln interviewst, will ich hier ebenfalls ganz herzlich für die uns bewilligten 1500 Euro danken, und auch die Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter hat nicht gefehlt. Und ein großes „Dankeschön!“ geht natürlich auch an Frau Bloch-Thieß und Herrn Thieß, die uns den „Neuköllner Leuchtturm“ unentgeltlich als Büro und als einen Hauptveranstaltungsort überließen.

 

In diesen zwei Wochen des Hörens und des miteinander Redens ist viel passiert - in Menschen und zwischen Menschen. Die Begegnungen und Diskussionen werden weiterwirken, die erlebte Freude und Lust am Sprechen kann zu weiterem Lernen ermutigen. Das ist schon “Nachhaltigkeit“ im ernsten Sinn. Dennoch schon jetzt die Frage: Wie soll es weitergehen?

Erdogan: „Passiert“ ist einiges, wir stellen bereits jetzt eine große dankbare Resonanz fest. Und zwar nicht allein von Einzelnen, sondern speziell auch von Kitas und Schulen. Da wird sicher auch unmittelbar im Unterricht an die Erlebnisse während der Lesewochen angeknüpft werden. Wir selbst wollen noch eine Dokumentation erstellen, davon können auch weitere Kreise profitieren. Und vor allem wollen wir überlegen, ob wir nächstes Jahr wieder Sprach- und Lesewochen durchführen können. Dazu treffen wir uns am 13.6., 17.00 Uhr, Böhmische Straße 39. Wir laden alle Interessierten ein.

 

Kazim, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Zur weiteren Information: www.sprachwoche-neukoelln.de

Zur eingangs zitierten neuen Publikation des Berliner Integrationsbeauftragten mit dem Titel „Berlin Deutsch-Türkisch.

Einblicke in die neue Vielfalt“ finden Sie weitere Informationen hier.

Impressionen vom Auftaktfest der Sprachwochen finden Sie hier.

Impressionen vom Abschlußfest der Sprachwochen finden Sie hier.