Hüseyin Yilmaz

15. Sep 2008 – 

Der Verein Türkischer Unternehmer und Handwerker e.V. (TUH) bringt Gewerbetreibende zusammen und engagiert sich für Bildung und Arbeit. Gründer und Vorsitzender ist Hüseyin Yilmaz. Er betont die Rolle türkisch-stämmiger Migranten in der Wirtschaft – als Brückenbauer zwischen Deutschland und der Türkei. Folgerichtig setzt er sich hierzulande für eine interkulturelle Öffnung und Zusammenarbeit ein. Seit kurzem ist der Verein TUH N+Stifter. Mit dem Vorsitzenden sprach Dr. Kurt Anschütz.

 

Kurt Anschütz: Herr Yilmaz, Sie haben den Türkischen Unternehmer und Handwerker e.V. (TUH) begründet. Er fördert und vernetzt Gewerbetreibende und macht Arbeitslose und Jugendliche für den Arbeitsmarkt fit. Und immer wieder gelingt Ihnen das Entscheidende: Sie bringen Menschen in Arbeit und Brot.

 

Hüseyin Yilmaz: Wir haben uns vor drei Jahren gegründet und wenige Monate später diese großen Räumlichkeiten im Kindl-Boulevard angemietet. Damals waren wir 25 türkische Gewerbetreibende. Mit unserer Organisation beraten wir UnternehmerInnen, helfen und begleiten bei Neugründungen, machen kostenlos Rechtsberatung in türkischem und deutschem Recht. Wir qualifizieren Arbeitssuchende, und wir bieten SchülerInnen berufliche Orientierung an. Durch unsere Gesamttätigkeit können wir Ausbildungsplätze schaffen und Arbeitsplätze vermitteln. Heute hat der Verein 120 Mitglieder. Wir kämpfen nicht um mehr Mitglieder, sie kommen von selbst (www.tuh-berlin.de). Inzwischen haben wir sogar mit dem Aufbau eines http://www.tuh-netzwerk.de/TUH-Netzwerkes für ganz Berlin begonnen. In drei anderen Bezirken haben wir Projekte durchgeführt. Zur Zeit beschäftigen wir fünf ständige MitarbeiterInnen.

 

KA: Für schnellen Erfolg auf solch schwierigem Terrain braucht es Menschen mit besonderer Dynamik.

 

HY: Ich habe viele Ideen, ich muss also aktiv sein. Wenn ich etwas leiste, bin ich eher dynamisch, und es geht mir besser. Es gefällt mir sehr, wenn ich Menschen helfen kann. Ich kann Geschäfte anbahnen und Menschen verbinden. Das ist einfach so, jeder hat etwas, das muss man herausbekommen. Und dazu muss man dann aber auch Mut haben. Ohne Mut können Sie nichts erreichen, das ist der erste Schritt. Und Schnelligkeit war wichtig, zum Beispiel, als es um den Abschluss des Mietvertrages ging. Wenn wir Angst gehabt hätten, dann wären wir nie ins Laufen gekommen. Mit unserer Tätigkeit haben wir spät angefangen, aber in drei Jahren haben wir aufgeholt. Das ganze Projekt war bereits damals in mir drin, ich weiß, welche Ziele wichtig sind.

 

KA: Mut schon früh, Ideen seit langem – vor 30 Jahren haben Sie sich auf den Weg gemacht. Aus zwei Welten in die dritte.

 

HY: Meine Eltern lebten in einem kleinen Dorf in der Nähe von Antalya, aber geboren und aufgewachsen bin ich in Istanbul. Stadt und Land haben mich gleichzeitig geprägt, Angst vor der Großstadt hatte ich nie. Als 18-Jähriger bin ich 1979 nach Berlin gegangen: mit Abitur, ohne Deutsch! An der Technischen Universität habe ich studiert, als Chemie-Ingenieur abgeschlossen. Mein Studium habe ich durch Arbeit selbst finanziert. Daneben habe ich mich immer auch ehrenamtlich engagiert. Später habe ich dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesministerium für Forschung und Technologie und beim TÜV Stuttgart gearbeitet, danach in privaten Unternehmen. In der Zwischenzeit habe ich zwei Semester lang ein Aufbaustudium zum Wirtschaftsingenieur gemacht.

 

KA: Sie waren sowohl in der Türkei als auch in Deutschland tätig.

 

HY: Einige Erfahrungen habe ich auch im Ausland sammeln können wie etwa bei REAL als Projektmanager in der Türkei. Und 1996 habe ich mich hier und in Istanbul selbständig gemacht mit einer Firma für umweltfreundliche Produkte. Ich bin derjenige, der in der Türkei den Membran-Diffuser bekannt gemacht hat. Das ist ein Sieb zur biologischen Abwasserreinigung. Zwischen 2002 und 2007 habe ich im Bereich Einzelhandel gearbeitet, wo die meisten türkischstämmigen Betriebe tätig sind. Meine Frau stammt ebenfalls aus der Türkei, sie ist Volkswirtin und führt seit 1998 eine Unternehmens- und Wirtschaftsberatung. Die große Mehrzahl ihrer Kunden sind türkische Gewerbetreibende. Ich decke die Managementseite ab. Seit zehn Jahren leben wir in Rudow. Ursprünglich wollte ich in Berlin nur studieren. Doch heute bin ich türkisch-stämmiger Berliner mit deutschem Pass.

 

KA: Vielleicht lässt es sich so sagen: Sie sind in Deutschland angekommen, aber nicht aufgegangen. Ihre Integrationsgeschichte bleibt binational. Ist diese doppelte Verankerung die Voraussetzung für Ihren Neuköllner Erfolg?

 

HY: Deutschland lebt durch den Export. Ich sage Ihnen: Migranten werden ein Katalysator für Deutschland sein in der Welt. Sie bauen Brücken in ihre Ursprungsländer, sie sind Botschafter, wirtschaftlich und politisch. Und so habe ich auch immer meine eigene Arbeit verstanden. Große deutsche Unternehmen haben das längst begriffen: Die Einstellung von Menschen mit Migrationshintergrund ist ein Vorteil. Viele Deutschtürken kehren inzwischen in die Türkei zurück, weil sie hier keine passende Arbeit finden. Das ist ein Verlust für die deutsche Wirtschaft. Aber gleichzeitig kann dies natürlich auch ein positiver Wirtschaftsfaktor sein, wenn man nicht einseitig national, sondern von beiden Ländern her denkt.

 

KA: Migranten als Botschafter: Müsste eine solche zweiseitige Sichtweise nicht Auswirkungen auf unsere nationale Integrationspolitik haben?

 

HY: Wenn wir gemeinsam davon ausgehen, dass Deutschland die Migranten wirklich braucht, dann muss zweierlei gewährleistet werden: erstens Respekt als Grundlage für alles. Und zweitens Gleichberechtigung als Angebot für alle. Migranten müssen ganz persönlich erleben: Wir sind in Deutschland willkommen. Wir müssen dabei vor allem an die Heranwachsenden denken. Wenn sie keine Chance haben, dann werden sie zwar hier sein, aber niemals werden sie ankommen. Stattdessen wächst dann bei ihnen der Widerstand im Gehirn. Und draußen ein Ghetto.

 

KA: Einstieg durch Aufstieg?

 

HY: Ja; wir müssen dafür sorgen, dass sie Hoffnung haben und dass sie sehen: Anstrengung macht Sinn, denn auch wir werden aufgenommen, wenn wir gut sind. Diejenigen, die es geschafft haben, müssen wir als Vorbilder und als Beweise herausstellen. Und sie müssen in allen gesellschaftlichen Bereichen leitende Positionen bekommen. Gleichberechtigung heißt: Migranten müssen wirklich auch mitentscheiden können.

 

KA: Ihre Forderung nach Gleichberechtigung ist klar: Sie bitten nicht um Privilegien, sondern verlangen wechselseitige Verbindlichkeit. Unverbindlich erscheint mir dagegen das inflationär gewordene deutsche Reden von „derselben Augenhöhe“, auf der wir einander begegnen sollen. Wie reagieren Sie?

 

HY: „Augenhöhe“ reicht nicht. Das ist trocken, das muss man füllen, man muss es umsetzen können. Also etwa: In den Schulen muss interkulturell unterrichtet werden, und wir brauchen auch viel mehr binationale Lehrerinnen und Lehrer. Verwaltungen müssen interkulturelle Kompetenz zeigen, oder sie müssen für die MigrantInnen geöffnet werden. Die Wirtschaft muss durchlässig werden bis hinauf zum Personalmanagement. In der Politik müssen Migranten Entscheidungsrechte bekommen. Allerdings heißt das auch: Die Migranten müssen ihrerseits bereit sein, schon vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen und Pflichten zu übernehmen. Wie läuft denn die Demokratie? Doch dadurch, dass wir uns beteiligen an der Gesellschaft. Türkische Vereine sind in der Vergangenheit fast nur unter sich geblieben. Und gleichzeitig haben sie sich geärgert, dass sie nicht mit am Tisch sitzen. Das ist vorbei. Sie müssen Internationalität lernen und sich gesellschaftlich aktivieren.

 

KA: Wahlrecht?

 

HY: Menschen, die seit langer Zeit hier leben, aber noch keine deutsche Angehörigkeit haben, sollten zumindest lokales Wahlrecht erhalten. Jemand kommt aus Belgien oder Frankreich nach Deutschland, und nach drei Monaten kann er hier wählen. Den anderen wird es verwehrt, das ist ungerecht. Gerade auch für den unmittelbaren Lebensbereich ist wichtig, dass Migranten respektiert werden und mitentscheiden können. Sonst gibt es keine Harmonie. Alles andere kommt dann automatisch.

 

KA: Allerdings: Gar nicht „automatisch“ kommt die materielle Voraussetzung für einen Integrationserfolg. Deshalb: Wie bringen Sie Menschen in bezahlte Arbeit? Gerade unter Neuköllner Bedingungen?

 

HY: Die Probleme sind groß in Neukölln. Nach der Wende und durch die Globalisierung sind vor allem einfache Arbeitsplätze hier weggefallen. Unternehmen sind dorthin gezogen, wo sie billiger produzieren. Deshalb: Nur durch Qualifizierung lässt sich noch Arbeit bringen. Das versuchen wir mit ganz verschiedenen Projekten.

 

KA: Beispiele?

 

Wir haben Business-Pläne für junge türkische Menschen erstellt, damit sie sich selbständig machen konnten. Etwa zehn sind inzwischen erfolgreich in den Bereichen Lebensmittel, Kaffee, Blumen, Gastronomie. Da die Probleme oft erst nach der Geschäftsgründung anfangen, haben wir das Ganze zu einem Coaching-Projekt über drei Jahre entwickelt. Oder: Wir haben einen Alten-Krankenpflege-Kurs durchgeführt, vier TeilnehmerInnen sind bereits auf dem ersten Arbeitsmarkt untergebracht. Zusammen mit dem Quartiersmanagement Flughafenstraße haben wir ein ganz niedrigschwelliges ABM-Projekt für Migrantinnen gemacht. Die Frauen haben alte Kleider gesammelt und sie wieder hergerichtet und sie der AWO zur Verfügung gestellt. Durch den Kurs wurde erreicht, dass die Frauen ihr Deutsch und gleichzeitig ihre Näh- und Schneiderfähigkeiten verbessert haben. Darauf lässt sich aufbauen. Jetzt haben wir ein Projekt zur Baumscheibenpflege. Die Teilnehmer werden soweit qualifiziert, dass sie einen Motorsäge-Schein erhalten können. Mindestens zwei haben mittlerweile eine Anstellung gefunden. Und zu unserem langfristigen Ansatz passt, dass wir auch Integrationskurse machen, in sechs Klassen schulen wir etwa 100 Teilnehmer. Wir haben auch einen deutsch-türkischen Müttertreff organisiert. Anfänglich 50, jetzt 20-30 Migrantinnen treffen sich mit fünf bis zehn deutschen Frauen, das klappt wunderbar. Wir kooperieren dabei mit Hilfsbär e.V.; diese Organisation schickt eine Juristin, die bei Problemen die Teilnehmerinnen berät. Ganz wichtig ist es, dass uns die Familien kennen lernen. Wir haben inzwischen Kontakt zu etwa 2.500 Familien.

 

KA: Geduldige Strategie der „Anbahnung“?

 

HY: Ja, wir müssen die Begegnung suchen und Vertrauen schaffen, dass das, was wir anbieten, auch wirklich weitergeführt wird. Und Selbstvertrauen wollen wir bei den Menschen aufbauen: Sie sollen erkennen, dass auch sie selbst Qualitäten haben, die sie austeilen können und die gebraucht werden. So kann Potenzial wachsen zur Integration und Bereitschaft zur stufenweisen Qualifizierung. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir unsere Arbeit systematisch aufbauen. Dazu gehört natürlich auf der anderen Seite die Verstärkung unseres Unternehmer-Netzwerkes. Denn wir brauchen verlässliche und wirklich an den Menschen interessierte Partner-Firmen. Wir wollen ja, dass unsere Leute auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht nur ankommen, sondern dass sie sich dort auch behaupten können.

 

KA: „Unsere“ Leute?

 

HY: Ich meine alle, die zu uns kommen: Nicht allein Türken, sondern auch Araber und Deutsche, einige Polen und Russen. Wenn wir sehen, jemand ist arbeitswillig, dann setzen wir ein.

 

KA: Sie arbeiten auch strukturell, etwa um Ausbildungshemmnisse abzubauen. Bei unserer N+Werkstatt zu den Ethnischen Ökonomien in Neukölln hat TUH davon berichtet, dass türkisch-stämmige Friseure Lehrlinge deshalb nicht ausbilden dürfen, weil ihre Zeugnisse hier nicht anerkannt werden. Sie wollten mit der Handwerkskammer nach einer Lösung suchen. Hatten Sie Erfolg?

 

HY: Ja, inzwischen haben sie die Erlaubnis zur Ausbildung. Die Handwerkskammer hat die Betriebe zwar nicht anerkannt, aber gleichgestellt. Voraussetzung ist, dass die Friseure einen Kurs machen, 240 Stunden Unterricht, 2.500 Euro. Diesen Kurs haben wir für 15 Friseure durchgeführt. Nun wollen wir auch für andere Berufsgruppen nach Lösungen suchen. Es geht hier nicht nur um Anerkennung von Fähigkeiten, sondern das schafft auch Arbeitsplätze.

 

KA: Die Bürgerstiftung und Ihre Organisation haben bei der N+Werkstatt gut zusammengearbeitet, und nun ist TUH auch Zustifter geworden.

 

HY: Bürgerschaftliche Aktivität ist für uns wichtig. Sehr viel Arbeit wird auch bei uns ehrenamtlich geleistet. Die Bürgerstiftung ist zu einem wichtigen Akteur in Neukölln geworden, und wir wollen vor Ort sein. Wir können aus unseren Stärken lernen und unsere Potenziale zusammenbringen. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.

 

KA: TUH wird verstärkt auch im Jugendbereich arbeiten. Da gibt es gute Kooperationsmöglichkeiten mit unserer Mentorenarbeit für HauptschülerInnen und mit unserem Jugend-Talente-Projekt.

 

HY: Wir werden Nachhilfe-Unterricht geben zur Vorbereitung des Mittleren Schulabschlusses. Um an die Schüler heranzukommen, werden uns die Kontakte zu den Familien sehr helfen. Und in diesen Wochen hoffen wir stark auf die Finanzierung eines Dreijahresprojektes durch das Förderprogramm XENOS der Europäischen Gemeinschaft. Zusammen mit der Zuckmayer-Oberschule hatten wir letztes Jahr für 10 SchülerInnen ein Praktikum im Hotel- und Tourismusgewerbe in Antalya angeboten. Nun wollen wir diese berufliche Orientierung für Schüler systematisch ausbauen: Unterstützung beim Mittleren Schulabschluss, Praktika, Feststellen der individuellen Neigungen und Schwächen, Qualifizierung bis die Vermittlung auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich wird. Bereiche sollen sein: Gastronomie, Tourismus, Modedesign, Bürokommunikation, Gesundheit, Verwaltungsbereich. Geplant sind sechs Durchläufe, durch XENOS würden wir 216 jungen Menschen berufliche Orientierung geben und zu einem hohen Teil auch eingliedern. Auch die Bürgerstiftung will ja die Potenziale von Jugendlichen entdecken und fördern, wir können da also in der Tat gut zusammenarbeiten.

 

KA: Grundkurs Integration: Geben Sie uns Kernsätze mit auf den Weg?

 

HY: Die Grenzen sind später gekommen, die Welt gehört allen. Wir können gut miteinander leben, wenn wir uns wirklich bemühen. Gewinnen werden wir nur gemeinsam.

 

KA: Danke für unser Gespräch!