Ein Beispiel religiöser Friedfertigkeit: Die Christlich-muslimische Begegnung am Nikolausabend

08. Dez 2009 (ka) – 

Seit 2003 treffen sich Neuköllner Muslime und Christen jährlich zur gemeinsamen Feier des Nikolausfestes. Für deutsche Verhältnisse ist das noch immer so ungewöhnlich, dass sogar das Fernsehen berichtet hat: Im „Wort zum Sonntag“ wurde unsere Begegnung als Beispiel religiöser Friedfertigkeit und Verständigungskraft herausgestellt. Gut 150 Gläubige waren diesmal auf Einladung des Interkulturellen Zentrums Genezareth, der Shehitlik-Moschee und der Bürgerstiftung Neukölln gekommen, um gemeinsam zu feiern, zu lauschen und zu reden.

 

Respekt vor der fremden Religion, Respekt gegenüber der eigenen Religion

 

Den Gottesdienst hielt Pfarrerin Elisabeth Kruse, aus deren Predigt unten Zentrales zitiert wird. Imam Ismail Turan von der Morabiye-Moschee am Kottbusser Damm rezitierte Koranverse, die den Zusammenhang von Gottesverehrung und Mitmenschlichkeit herausstellten: „Allah liebt, die da Gutes tun“ (Sure 3). Die andächtige Stille war ein Zeugnis: Respekt vor der fremden Religion, Respekt gegenüber der eigenen Religion. Ender Cetin von der Sehitlik-Moschee stellte das Offenbarungswort in seinen koranischen Zusammenhang. Grußworte, die die Bedeutung dieser Begegnung würdigten, sprachen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, Superintendent Bernd Szymanski, die Generalsekretärin des Türkisch-Deutschen Zentrums Nilgün Hascelik und Kurt Anschütz für die Bürgerstiftung Neukölln, die einst die Ideenstifterin war. Ein kleiner Imbiss bot Gelegenheit zu weiteren Gesprächen.

 

Der anatolische Nikolaus: Verehrt von Christen Muslimen

 

Vor sechs Jahren waren es etwa 30 gewesen, die sich suchten. Kontinuierlich ist seither die Schar derer, die einander näherkommen möchten, gewachsen. Das ist ganz im Sinn des anatolischen Nikolaus, der nur dieses eine wollte: Menschen sollten einander behilflich werden. Auch deshalb verehren Christen und Muslime ihn gemeinsam, weil sie wissen, dass er Einer ist, der sie zum Eigentlichen ruft. Darum ist er gerade in Neukölln so erfolgreich. Denn Neukölln braucht alle, „die da Gutes tun“ wollen: Christen und Muslime. Und die vielen Anderen auch.

 

"Für das Band des Herzens spielen Herkunft und Hautfarbe keine Rolle"

 

Pfarrerin Elisabeth Kruse in ihrer Predigt: „Hat der Heilige Nikolaus gefragt, seit wie vielen Generationen die Menschen in Myra wohnten, als sie Hunger hatten? Er hat ihre Not gesehen – das reichte, um zu handeln. Hat er geprüft, ob die Seeleute den richtigen Glauben hatten, als sie in Seenot gerieten und ihn um Hilfe baten? Er sah ihre Angst – das reichte, um sie zu retten. Hat er den Vater der drei jungen Mädchen zur Rechenschaft gezogen, als er sich anschickte, sie auf den Strich zu schicken, um davon zu leben? Er hat gesehen, dass die ganze Familie abzustürzen drohte – das reichte, um zu teilen. Für das Band des Herzens spielen Herkunft und Hautfarbe keine Rolle – es verbindet. Der Liebe ist egal, wer Recht hat – sie kümmert sich. Je mehr Menschen darauf setzen, je mehr Nachahmer der Bischof von Myra findet, umso besser.“

 

"Allah liebt, die da Gutes tun"

 

Koran, Verse aus Sure 3: „Nie könnt ihr zur vollkommenen Rechtschaffenheit gelangen, solange ihr nicht spendet von dem, was ihr liebt; und was immer ihr spendet, wahrlich, Allah weiß es wohl … Und wetteifert miteinander im Trachten nach der Vergebung eures Herrn und einem Paradiese, dessen Preis Himmel und Erde sind, bereitet für die Gottesfürchtigen. Die da spenden in Überfluss und Mangel, die den Zorn unterdrücken und den Mitmenschen vergeben: Allah liebt, die da Gutes tun.“