WOHIN WOHIN - Ein Interview mit Hadmut Bittiger

09. Jun. 2016 –

Bei 48 Stunden Neukölln wird in diesem Jahr die außergewöhnliche Wanderausstellung WOHIN, WOHIN der Berliner Objektkünstlerin Hadmut Bittiger zu sehen sein. Bittigers Installation aus 800 Papierkranichen mit Zeichnungen geflüchteter Menschen wird von der syrischen Tanzgruppe GAFRANA begleitet. GAFRANA wird von der Bürgerstiftung Neukölln unterstützt.

Hadmut Bittiger begann bereits 2007 sich in ihren Arbeiten mit dem Schicksal geflüchteter Menschen auseinanderzusetzen. So entstand ihre Installation FLÜCHTLINGSSTIMMEN. Hierfür bespielte sie Sprachmodule mit Sätzen aus Interviews mit Geflüchteten in der jeweiligen Heimatsprache. Seitdem liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf auditiv-visuellen Installationen.


Wir haben mit Hadmut Bittiger über die Hintergründe zu ihrer aktuellen Ausstellung WOHIN,WOHIN gesprochen.


Auch deine aktuelle Ausstellung WOHIN, WOHIN beschäftigt sich mit dem Thema Flucht und Fluchterfahrung. Wie kam es zu dieser Idee?


Anfang des Jahres half ich in einer Notunterkunft Betten machen und Essen austragen. Dabei bemerkte ich, dass Geflüchtete aus vielen Ländern Tag und Nacht erschöpft ankamen, blieben, weiterzogen, zurückkamen oder wieder verschwanden. Sie erinnerten mich an Zugvögel.

Als ich dann gefragt wurde, ob ich mit den Menschen in der Notunterkunft der Berliner Stadtmission künstlerisch arbeiten wolle, wurde die Idee zu dieser Installation geboren. Ich bat Geflüchtete, ihre Wünsche und Träume an das neue Leben zu malen oder zu schreiben. Es entstanden Bilder und Texte der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, aber auch hoffnungsvolle Bilder an das Leben hier bei uns.

Das bemalte Papier wurde zu Zugvögeln, zu Kranichen gefaltet und zu dieser Installation zusammengestellt. Die Installation WOHIN, WOHIN ist eine sich immer verändernde Raumskulptur. Sie wandert durch verschiedene Orte; die Kraniche mit ihrer Botschaft verweilen und ziehen dann weiter.


Die Installation wird von der Tanzgruppe GAFRANA begleitet. Wie kam es dazu?


Im letzten Jahr führte ich ein Interview mit dem syrischen Tänzer und Choreografen Manar Youssef. Er zeigte mir auf dem Handy Videos von ihm als Tänzer. Als ich an der Installation WOHIN, WOHIN arbeitete, fragte ich Manar, ob er einen Kranichtanz choreografieren könne. Er sagte ja und brachte bei den nächsten Treffen noch andere geflüchtete Tänzer und eine Tänzerin mit. Sie sind ehemalige Mitglieder einer renommierten Tanzgruppe aus Damaskus, die aber im Krieg zerstreut wurde. Sie haben sich hier in Berlin wiedergefunden und so ist die Tanzgruppe GAFRANA entstanden.

GAFRANA veranstaltet nun inmitten der Kranichinstallation wieder ihre ersten Aufführungen. Sie zeigen einen sehr emotionalen Tanz, den sie VIA DOLOROSA nennen. Er symbolisiert den Leidensweg, den auch sie und viele Geflüchtete heute neu erleben.


Was glaubst du, nimmt die Mehrheit mit aus WOHIN, WOHIN?


Die Installation mit 800 Kranichen ist schon sehr eindrucksvoll und löst meist Diskussionen über Geflüchtete aus. Die einzelnen Zeichnungen, die zwar im Kranich durch das Falten verborgen sind, werden sehr intensiv in den ausliegenden Büchern betrachtet und diskutiert. Die Besucher entdecken, dass diese Bilder von individuellen Menschen gemalt wurden. Von Menschen mit Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, mit Sehnsucht nach Ankommen und danach, in ihrer neuen Heimat respektiert zu werden.


Was ist Dir besonders wichtig an dieser Arbeit?


Ich habe bemerkt, dass alleine das Malen, Zeichnen und Schreiben, egal ob über das verlassene Heim, die Flucht oder über das zukünftige Leben den Menschen gut getan hat. Es gab Tränen, aber auch viel Spaß und ein tolles Miteinander, egal in welchem Sprachmix. Auch wollte ich herausfinden, welchen Wunsch ein Mensch hegt, der aus seinem Land fliehen musste, lange und unter Gefahren unterwegs war und nun eine ungewisse Zukunft vor sich hat.

Durch meine künstlerische Arbeit, die in der Öffentlichkeit gesehen und diskutiert wird, kann ich helfen, dass dieser Wunsch zumindest wahr genommen wird. Wenn mancher in Erfüllung ginge, wäre das schön.

 

 

Wir reden manchmal von Menschen als Kollektiv während wir auf der anderen Seite sehr auf unsere Individualität bedacht sind. Wo siehst du darin die Gefahr?


Mir ist sehr bewusst, dass jede Gruppe aus einzelnen Individuen besteht, und dass es jeder Mensch wert ist, gesehen und gehört zu werden. Das ist es ja gerade, was mich interessiert: den einzelnen Menschen herauszufinden und ihn darzustellen, ihn selber reden zu lassen, mit seiner eigenen Stimme, oder wie dieses mal mit seiner eigenen Zeichnung oder seinen eigenen Sätzen.


Versuchst du durch deine Arbeit diese Zuschreibungen und Vorurteile zu entkräften?


Ja, das versuche ich.

 

 

Wie stehst Du zu der Kritik, dass sich Künstler plötzlich auf das Thema Flucht so intensiv einlassen und dem Vorwurf, Geflüchtete zu gebrauchen, ohne dabei die eigenen Privilegien zu reflektieren?


Das macht jeder auf seine eigene Weise.

Wie gesagt beschäftigt mich das Thema Flucht und Vertreibung schon sehr lange.

Ich unterhalte mich bei den Interviews mit meinen Gesprächspartnern als Künstlerin, als Mensch, über Themen die ihnen und mir wichtig sind. Da entsteht etwas zwischen meinem Gegenüber und mir und die Aussagen werden lebendig. Ich habe danach oft das Gefühl, einen Menschen, den ich vorher nicht kannte und den ich im Alltag nie kennengelernt hätte, ganz nah erlebt zu haben. Ich versuche auch stets, auf Augenhöhe mit den Menschen zu arbeiten und darauf zu achten, dass ein gewisser Ausgleich besteht. Deswegen habe ich vor Beginn der Installation WOHIN, WOHIN über längere Zeit in einer Flüchtlingsnotunterkunft mitgeholfen.


Welche Themen oder Projekte stehen als nächstes an?


Es gibt eine Idee zu einem neuen Projekt, im Moment kann ich aber noch nicht darüber sprechen.

 

Ausstellungseröffnung WOHIN WOHIN: 24. Juni, 20-23 Uhr, Ganghoferstr. 10, Eingang Parkhaus, Parkdeck 4, 12043 Berlin

Öffnungszeiten: 25.-26.6., 11-23 Uhr, 12043 Berlin

Performance GAFRANA: 25.6., 19 Uhr

 

 

WOHIN WOHIN: Einladung

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