Interview GAFRANA: Wir schauen in die Zukunft

22. Jun. 2016 –

Am 25. Juni, 19 Uhr tritt die Tanzgruppe GAFRANA mit ihrer Performance VIA DOLOROSA zu Hadmut Bittigers Installation WOHIN WOHIN in der Ganghoferstr. 10 auf.
GAFRANA wurde in Berlin von geflüchteten syrischen Tänzerinnen und Tänzern gegründet. Vor dem Krieg waren sie Mitglieder der ENANA Group in Syrien. ENANA war die erste Tanzschule Syriens und verbindet in seinen Choreografien europäische mit einheimischen Tanztraditionen.
In VIA DOLOROSA verarbeitete der Gründer und Choreograph der Gruppe, Manar Yousef, die Erfahrungen von Krieg und Flucht.

 

Doch wie haben sich die Tänzerinnen und Tänzer in Berlin (wieder)gefunden? Welche Pläne haben sie mit GAFRANA für die Zukunft? Tarek Al Turk und Manar Yousef haben uns ein Interview gegeben.



Wie kam es zur Gründung von GAFRANA?


Manar traf im vorigen Jahr Hadmut Bittiger. Das war unser großes Glück. Er hatte ihr Tanzvideos von sich gezeigt und sie fragte ihn, ob er zu ihrer Ausstellung WOHIN WOHIN tanzen würde. So entstand GAFRANA.


Ihr kanntet euch schon vorher?


Wir waren alle schon in Syrien befreundet. Die meisten von uns kamen allein hier in Deutschland in verschiedenen Städten an. In Berlin haben wir uns wiedergefunden. Aber über Facebook hatten wir die ganze Zeit über Kontakt gehalten. Wir haben uns nie wirklich aus den Augen verloren.


Wie war es für euch, an der Geschichte zu arbeiten?


Zuerst hat sich angefühlt, als ob wir etwas Reales tun. Im Tanz durchlebten wir die Momente des Krieges und der Flucht noch einmal sehr intensiv.

Es war gut und hart zugleich. Es war ein gutes Gefühl, daran zu arbeiten. Denn das ist unser wirkliches Leben: Der Tanz auf der Bühne. Zugleich wurden die Erinnerungen an den Todes-Trip wachgerufen.


Warum habt ihr eure Erfahrungen in Kunst umgewandelt?


Wir haben den Traum, uns hier mit unseren Möglichkeiten als die einzubringen, die wir sind. Wir können Deutschland durch unsere Kunst zeigen, was es heißt, ein Refugee zu sein. Wir möchten der Welt so unsere Geschichte erzählen. Das ist wichtig.

Danach wollen wir natürlich noch andere tolle Produktionen machen.


Wie organisiert ihr die Proben?


Es ist schwierig. Wir haben keinen festen Platz zum Proben, sondern wechseln zwischen vielen unterschiedlichen Orten. Für die Auftritte und Proben brauchen wir Equipment. Das ist teuer. Der unsichere Aufenthaltsstatus macht es uns schwer Geld zu verdienen. Glücklicherweise schreibt uns ein Freund von Manar, der syrische Komponist Mohamed Habach, die Musik umsonst.

Unser Leben hier neu zu organisieren, ist oft hart. Aber Tanzen gibt uns Energie und ein Ziel. Dadurch können wir zeigen, dass wir immer noch stark sind und als Tänzer schöne Sachen auf die Beine stellen können.


Würdet ihr gern mit eurer Kunst auf eigenen Füßen stehen können?


Das ist nicht so einfach. Erst einmal brauchen wir reguläre Jobs und müssen die Sprache lernen.

Es ist überall schwer von Kunst zu leben. Auch in Syrien hatten wir noch andere Jobs. Ich zum Beispiel habe Englische Literatur studiert, Manar hat als Raumausstatter gearbeitet und XXX als Tanzlehrerin.


Hadmut erzählte mir, ihr lacht immer viel bei den Proben?


Wir machen immer Scherze. Gerade auch weil es eine strange Situation ist und wir so glücklich sind, hier zu sein.

Manar zum Beispiel führte seine Flucht über den Libanon, Sudan und Lybien. Einen Monat war er unterwegs und irrte 6 Tage durch die syrische Wüste. Andere waren mehrere Tage auf dem Meer. Du bekommst das Gefühl, als hättest du den Tod millionenfach gesehen. Es ist ein tödlicher Trip und wir kommen hier an als Überlebende.


Was ist anders an Deutschland und Berlin?


Vor dem Krieg sind wir viel in der Welt gereist. Darum fühlen wir uns hier nicht wirklich fremd, wir sind Teil dieser Kultur. Berlin liebten wir ganz besonders, weil es eine internationale Stadt ist. Klar gibt es anderes Essen und andere Traditionen - und das Wetter ist kälter.

Wir lieben Deutschland, weil es hier so ist wie in Syrien vor dem Krieg.


Redet ihr gern über Syrien oder fällt es euch schwer?


Es ist okay. In der Situation zu sein und zu gehen war hart. Aber es hat uns stark gemacht, Glaube und Hoffnung gegeben, gerade weil wir es geschafft haben.


Was können wir als Gesellschaft tun, um Refugees zu helfen und das Ankommen leichter zu machen?


Der Kontakt mit Deutschen ist wichtig. Wir (Syrer) sind gesellige Menschen, die gern Dinge zusammen machen. Jeder von uns hat noch Familie in Syrien, um die er sich jeden Tag sorgt.


Wenn andere Geflüchtete auch etwas Sinnvolles zu tun hätten, meint ihr, das würde helfen?


Ja, klar.


Das Interview führte Idil Efe, Leitung Kommunikation und Strategie der Bürgerstiftung Neukölln.


GAFRANA: Manar Yousef, Tarek Al Turk, Rami Adham, Mioufak Aldoabi, Fadi Waked, Medhat Abdaal, Hussaim Ismaeel, Wasema Muthlg


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