Zwischen Problemdruck und Modellbezirk
Auf Neukölln wird geschaut: In der medialen Wahrnehmung ist der Bezirk für Viele zum Inbegriff eines sozialen Brennpunkts geworden. Immer mehr Beobachter sehen aber auch - ganz im Sinne von "N+" - die enorme Kreativität und Energie, die in Neukölln als einem Bezirk der kulturellen Vielfalt wirken und viel Engagement ausgelöst haben. Die Auftaktdiskussion im Rahmen der Kooperationsveranstaltung von Citizens of Europe und Bürgerstiftung Neukölln am 25.1.2008 im Rahmen eines Wochenendseminars im Creativ Centrum Neuköllner Leuchtturm hat dies wieder einmal deutlich gemacht.
Am Anfang stand ein Zitat von Oscar Wilde: ?Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Erfolg?. Und in der Tat: Der Problemdruck hat schon eine Menge Kreativität freigesetzt. Dazu zählen z.B. die vielfältigen Aktivitäten, die von den Quartiersmanagements (QM) ausgehen und insbesondere jungen Menschen eine Perspektive geben sollen, wie Fadi Saad vom QM Körnerkiez betonte. Dazu zählt das breite Angebot der bezirklichen Kulturarbeit, die Kulturamtsleiterin Dr. Dorothea Kolland als eine Art "Kontakthof" beschrieb: Gelegenheiten zum Beschnuppern, Ausprobieren und Zusammenbleiben, ohne eine sofortige Verbindlichkeit zu schaffen. Beispielhaft erwähnte sie "TEK STIL" - ein Projekt, das Neuköllner Migrantinnen mit ihren traditionellen Nähfertigkeiten mit Modemacherinnen zusammenführte und bemerkenswerte Werke hervorbrachte (bis zum 2.3.2008 in einer Ausstellung im Saalbau Neukölln zu sehen).
Zu den wichtigen Akteuren zählt auch der türkische Elternverein, in dem sich Dr. Mehmet Alpbek vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg engagiert. Und auch die Bürgerstiftung Neukölln als bundesweit erste multiethnische Stadtteilstiftung zählt zu den Modellen, mit denen Neukölln aufwarten kann. Professor Klaus Schmals, der als Stadtsoziologe an der Freien Universität über Neukölln forscht, hob das in Neukölln "erfundene" Projekt der "Stadtteilmütter" als beispielhaft hervor. Migrantinnen werden in Fragen der Gesundheit, Ernährung, Bildung und Erziehung geschult, um dann als Ratgeberinnen in Familien zu gehen, die der Hilfe bedürfen. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Neukölln eine "Werkstatt zur Lösung sozialer Probleme" geworden sei, erkannte Professor Schmals in der sogenannten Zwischennutzungsagentur. Sie vermittelt leerstehende Gewerberäume zu günstigen Konditionen für temporäre Projekte und hat mit dieser Methode Nord-Neukölln bereits zu einer Wiederbelebung manch eines Straßenzuges beigetragen. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem Appell an die Politik, sinnvolle Lösungen nicht nur - wie im Fall von "TEK STIL" - mit befristeten Projekten anzustoßen, sondern auf eine dauerhafte Basis zu stellen.
Die gut besuchte öffentliche Diskussion im Creativ Centrum Neuköllner Leuchtturm bildete den Auftakt eines Wochenendseminars, an dem rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa auf Einladung des transeuropäischen Netzwerks Citizens of Europe teilnahmen. Thema war unter anderem die Frage nach einem für Einwanderungsgesellschaften tauglichen Konzept der Bürgerschaft, der Beteiligung und der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen. Die Ergebnisse des Wochenendes werden demnächst auf der Homepage der "Citizens of Europe" veröffentlicht.




