Thomas Lopatic

06. Sep 2008 – 

Thomas Lopatic ist mit Leib und Seele Informatiker. Berühmt wurde der bekennende Nord-Neuköllner, der 2001 den Schritt von München nach Berlin in die berufliche Selbständigkeit ging, mit seinen Erkenntnissen über die Daten, die bei der Software-Aktivierung vom eigenen PC an Microsoft übertragen werden. Seit Ende 2007 ist Thomas Lopatic N+Stifter. Mit ihm sprach Dr. Kurt Anschütz über die inspirierende Vielfalt in Neukölln, Stiften als „Investment“ und Bildung für benachteiligte Jugendliche.

 

Gespräch mit N+Stifter Thomas Lopatic

 

Kurt Anschütz: Herr Lopatic, von einem Tag zum andern sind Sie im Sommer 2001 weltberühmt geworden. Sie hatten Licht ins Microsoft-Dunkel gebracht.

 

Thomas Lopatic: Microsoft kam damals mit Windows XP auf den Markt. Erstmalig wurde damit Heimanwendern eine Art Anmeldepflicht auferlegt, um kostenlosem Kopieren entgegenzuwirken, die Windows-Produktaktivierung. Für die Freigabe der Software musste der Anwender eine Verbindung zu Microsoft schalten. Völlig unklar war dabei aber: Was wird über diese Verbindung von meinem Computer an Microsoft übertragen? Die Öffentlichkeit argwöhnte, dass die Benutzer ausspioniert werden könnten, und Microsoft hielt sich bedeckt. Uns gelang es jedoch, die übertragenen Informationen zu analysieren. Wir konnten damit zeigen, dass die Spekulationen unbegründet, die Informationen harmlos waren. Als wir mit unseren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gingen, trafen wir einen Nerv. Zeitungen und Radiosender aus aller Welt baten im Viertelstundentakt um Interviews. Das war ziemlich extrem, dann aber auch schnell wieder vorbei. Wie Andy Warhol sagte: „In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein.“

 

KA: Bei Ihnen dauert der Ruhm ja nun doch schon ein wenig länger. Erzählen Sie ein wenig?

 

TL: Ich bin mit Leib und Seele Informatiker, Beruf und Berufung gehen zusammen. Ich bin in München aufgewachsen. Mit 11 Jahren bekam ich meinen ersten Heimcomputer, eine Offenbarung, die Jahre später in ein Informatik-Studium mündete. In den Neunzigern erlebte ich als „ethischer Hacker“ in meinem ersten Job die New Economy. Firmen kamen zu uns und sagten „Brecht mal bei uns ein und sagt uns, was wir in Sachen Sicherheit besser machen können.“ Danach zog es einen Kollegen und mich in die Selbständigkeit - und nach Berlin. Das war 2001. Obwohl, nach Berlin zog es mich eigentlich schon seit vielen Jahren. Anlass für den Umzug war ein Angebot des Berliner Senats für die ersten Monate, das „Berlin Welcome Package“: BVG-Karte, Arbeitsplatz in Adlershof, Appartement in Gropiusstadt.

 

KA: Von München in die Gropiusstadt – zwei Welten?

 

TL: Eine Frage der Perspektive. Natürlich, in Gropiusstadt lebten Menschen, die hatten wenig Geld. Aber es waren trotzdem allesamt anständige Menschen, die mir dort begegneten. Ein Jahr später zog ich dann aber doch in eine Wohngemeinschaft nach Friedrichshain, der Infrastruktur halber. Im Laufe der Zeit begegneten mir dort von der Wagenburgbewohnerin bis zum Unternehmensberater die unterschiedlichsten Lebensentwürfe. Und genau das ist es, was ich an Berlin so mag. Die Inspiration, die mit dieser Vielfalt einhergehen kann. Mal was komplett anders sehen, die Scheuklappen ablegen, über den Tellerrand blicken. Ich bin jetzt sieben Jahre hier und würde sagen, dass das einen anderen Menschen aus mir gemacht hat. Friedrichshain war eine schöne Zeit, aber dann hatte ich irgendwann auch wieder genug. Eine Freundin wohnte nahe der Hermannstraße, unter ihr wurde eine Wohnung frei, und Berlin wurde so für mich vor einem Jahr wieder zu Neukölln.

 

KA: Vom Prenzlauer Berg in den Norden Neuköllns - diesen Umzug machen neuerdings manche.

 

TL: Neukölln ist für mich ein angenehmer Stadtteil: angenehm unprätentiös, angenehm ehrlich. Niemand versucht etwas darzustellen, was er nicht ist. Auf eine gewisse Art entspannt. Auf eine andere Art auch nicht, aber der etwas ruppige Charme gehört nun mal dazu. Neukölln ist lebendiger als es Friedrichshain heute ist. Ich finde auch spannend, wie etwa im Reuter-Kiez seit einer Weile neue Strukturen entstehen. Kneipen, Cafés, Galerien schießen aus dem Boden, es geht verblüffend schnell. Es gibt dort jetzt einen interessanten Mix, alteingesessene Deutsche und Ausländer leben neben Studenten und Aussteigern aus Kreuzberg und dem Osten Berlins. Die Frage ist nun, gelingt es, aus dem „neben“ ein „mit“ zu machen und so die Durchmischung beizubehalten, oder entsteht da gerade Friedrichshain II? Davon mal ganz abgesehen bin ich immer wieder überrascht, was hier abseits des Modethemas „Kreuzkölln“ so alles passiert, teils schon seit Jahren. Vor drei Monaten etwa die „48 Stunden Neukölln“. Wirklich beachtlich.

 

KA: „Mix“ meint bei Ihnen ja etwas sehr Grundsätzliches: Es geht um das Recht auf Teilhabe. Jede und Jeder soll Zugang haben zu den Möglichkeiten des Lebens. Beim Googeln habe ich zum Beispiel Ihr Engagement für „Freifunk“ entdeckt.

 

TL: Freifunk ist eine tolle Sache. Es begann damit, dass eine Gruppe von Menschen aus allen Ecken der Gesellschaft den Entschluss fasste, ihre Internet-Anschlüsse per WLAN kostenlos der Allgemeinheit zur Mitbenutzung zu überlassen. Sie fingen an, in ihrer Freizeit dafür Software zu schreiben und gemeinsam Antennen zu bauen, die sie auf den Dächern Berlins aufstellten, um von dort per Funk größere Distanzen überbrücken zu können als aus dem Wohnzimmer. Aber die Technologie konnte noch mehr, jeder konnte ohne organisierende und kontrollierende zentrale Instanz über die gemeinsam geschaffene Infrastruktur mit jedem anderen Teilnehmer kommunizieren. Die Telekom in Form einer Graswurzelbewegung neu erfunden, wenn man so möchte. Als ich zu dem Projekt stieß, erreichte die Software bei einigen Dutzend Teilnehmern die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Wir erweiterten und optimierten sie, und auf dieser verbesserten technischen Grundlage wuchs die Anzahl der Freifunker in Berlin auf mehrere hundert, darunter auch viele, die sich einen Internet-Anschluss sonst nicht leisten konnten. Heute ist Freifunk insbesondere auch in Entwicklungsländern beliebt. So lassen sich beispielsweise abgelegene Gegenden per Freifunk für wirklich kleines Geld in Eigenregie ans Telefonnetz anbinden.

 

KA: E-democracy als Ihr Leitbild?

 

TL: Es gibt eine digitale Kluft in der Welt, und ich möchte sie schließen helfen. Demokratie hingegen findet für mich noch offline statt. Elektronische Demokratie vereinfacht sicherlich Partizipation, aber Technik kann nicht alles lösen. Sie ermöglicht vieles, aber keine warmen Mahlzeiten. Zudem ein wichtiger Punkt bei der Technik: Die Privatsphäre der Teilnehmer. Wie kann man auch technisch unbewanderten Besuchern helfen, geschützt zu partizipieren? Die Entwicklung der letzten Jahre ist besorgniserregend. Private Informationen werden zunehmend offen oder verdeckt ausgeforscht. Bei uns in Deutschland ist beispielsweise seit Beginn des Jahres die Vorratsdatenspeicherung Pflicht. Ein Internet-, Telefon- oder Mobilfunkanbieter muss ein halbes Jahr lang speichern, wer wann mit wem kommuniziert hat. Und beim Handy kommt auch noch der Aufenthaltsort dazu. Der wird auch ein halbes Jahr lang festgehalten. Und das für uns alle.

 

KA: Völlig unabhängig ...

 

TL:...ja, völlig unabhängig davon, ob ein Verdacht gegen uns vorliegt oder nicht. Die jüngste Maßnahme einer Serie. „Ein erfüllter Wunsch kriegt Junge“ nannte mein Vater derart wachsende Begehrlichkeiten.

 

KA: Vor einigen Monaten gab es dann wieder eine große Nachricht, Ihr drei Jahre altes Unternehmen wurde von Yahoo! übernommen.

 

TL: Wir hatten seit 2004 eine Technologie für werbefinanzierte Spiele auf Mobiltelefonen entwickelt. Bis dahin musste man Handy-Spiele kaufen. In unserem Modell gibt es die Spiele gratis, und die Kosten trägt der Werbende. Dafür darf er im Vor- und Abspann des Spiels sein Produkt bewerben. Als Yahoo! und Google sich für diese Art der Werbung zu interessieren begannen, waren wir schon da - zur richtigen Zeit mit dem richtigen Produkt. Engagement hin oder her, zum Erfolg gehört auch immer eine ganze Menge Glück.

 

KA: Erfreulicherweise geht es bisweilen ja auch umgekehrt zu. Denn nicht aus heiterem Himmel haben Sie der Bürgerstiftung Neukölln eine Zustiftung gemacht.

 

TL: Richtig. Das Ganze war für mich ein Investment. Ich wollte schon eine ganze Weile ein Projekt unterstützen. Nur: welches? Ist das Ziel des Projekts schlüssig für mich? Traue ich den beteiligten Menschen zu, das Ziel auch wirklich zu erreichen? Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Ich habe mich viel umgesehen, auch außerhalb Neuköllns. Ich entdeckte N+ auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt und ließ mir das Konzept erklären. Im Nachgang überzeugten mich die Projekte, die Professionalität und die umfassenden Informationen auf der Website. Richtig gut fand ich den Ansatz, dass es nicht immer Geld sein muss. Ihr Konzept der Zeitstifter gibt im Prinzip allen Menschen eine Möglichkeit, am Erfolg von N+ teilzuhaben. Korrekt?

 

KA: Ja, wir brauchen dreifachen Einsatz: Einsatz von Kreativität bei der Verwendung unserer doch sehr begrenzten Ressourcen, Einsatz von Kapital zur Sicherung gerade auch der langen Dauer unserer Arbeit, Einsatz von möglichst viel Zeit, damit wir selbst und schon heute etwas auf den Weg bringen können.

 

TL: Eben. Ich komme aus der Gründerszene. Ideen haben dort alle. Aber manche sind sich zu fein, selbst anzupacken. Stattdessen wird von Investoren Geld aufgetrieben, um jemanden zu bezahlen, der anpackt. Das Geld ist dann schnell weg, verpufft, und nichts ist passiert. Bei der Bürgerstiftung sind Kapital und Engagement komplementär, das Geld ist Beschleuniger und nicht conditio sine qua non. Das macht für mich Unternehmergeist aus. Etwas unternehmen im Sinne von aufbrechen, um etwas auf die Beine zu stellen. Ohne Engagement geht es also nicht, und ohne Geld geht es auch nicht. Also in der Tat: Dass Sie mit mir Glück haben konnten, verdanken Sie Ihrer Leistung.

 

KA: War die multiethnische Ausrichtung der Stiftung für Ihre Entscheidung ausschlaggebend?

 

TL: Internationalität ist in meinem beruflichen Umfeld allgegenwärtig. Aber auch in meiner Familie. Mein Großvater war Bauer in Slowenien, und mein Vater ist ein Technologie-Immigrant der ersten Stunde, er kam 1968 als Ingenieur nach Deutschland. Klar, die multiethnische Ausrichtung der Stiftungsarbeit ist absolut sinnvoll. Denn die Zukunft Neuköllns hängt davon ab, wie sich das Zusammenleben der vielen Kulturen und Nationen entwickeln wird. Das kann sozialen Sprengstoff bedeuten, und es kann Potenzial bedeuten. Allerdings gibt es viele Integrationsprojekte, die ich hätte unterstützen können. Deshalb noch einmal: Den Ausschlag gab die Art und Weise, wie diese Stiftung in ihrer Arbeit Professionalität, Unternehmergeist, Geld und Engagement jetzt und langfristig zusammenbringt. Was mich an der Orientierung der Stiftungsarbeit jedoch besonders freut ist der breite Raum, den Bildung für benachteiligte Jugendliche einnimmt.

 

KA: Ihre eigene Lebensgeschichte über drei Generationen zeigt, wie Bildung ein Leben erweitern kann.

 

TL: Ja, Bildung und Begleitung. Bildung gibt einem eine Möglichkeit, die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Im Idealfall wird sie dabei Werkzeug zur persönlichen Entfaltung. Meine Großeltern waren bereit, meinen Vater studieren zu lassen. So konnte er nach Deutschland gehen und als Ingenieur arbeiten. Und er konnte für mich Mäzen und Mentor sein. Er hat meine Computer-Begeisterung finanziert und gefördert, mir Perspektiven aufgezeigt und mich auch mal gefordert. Und jetzt ist meine Berufung mein Beruf. Ein absolutes Privileg. Auch dass mir immer klar war, was ich gut kann und was ich will, denn oft sind sich Menschen ihrer Talente nicht bewusst. Im krassen Gegensatz sind Kindern aus bildungsfernen Schichten oft bereits qua Geburt jegliche Chancen verbaut. Sie können ihr Potenzial nie voll entfalten, und derartige Perspektivlosigkeit bedeutet natürlich Frustration. Darum finde ich das Mentorenprogramm und das neue Talente-Projekt der Bürgerstiftung so wertvoll. Gerade hier ist Geld kein Allheilmittel. Da ist menschlich überzeugende Begleitung gefragt, umfassender persönlicher Einsatz. Mir hat richtig gut gefallen, was die Mitstifterin Renate Bremmert kürzlich im Interview auf der Website von N+ dazu gesagt hat.

 

KA: Die Stiftung muss expandieren. Hat der Investor einen Tipp?

 

TL: Ich finde, die Stiftung sollte ihre Projekte noch stärker publik machen. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist fast nichts ein Selbstläufer, und nur wenig bleibt im Bewusstsein. Tue Gutes und rede zu jeder Gelegenheit darüber! Die Stifter haben ja eine kluge Entscheidung getroffen: N+ ist nicht allein Förderstiftung, sondern legt auch eigene Projekte auf. Das ist authentischer als wenn man es bei klugen Erklärungen belässt und Geld verteilt. Vielleicht würde es sich auch lohnen, der folgenden Tausch-Frage auf den Grund zu gehen: Im Grunde wären ja viele, wenn nicht alle, die etwas Gutes tun, gerne ein kleiner Held oder eine kleine Heldin. Wie kann die Stiftung jenen, der ihr Gutes tut, zum Helden machen, ihm diese Bestätigung und diesen Status zuteil werden lassen, damit er sich freut? Und schließlich, nicht immer selbstverständlich: Weiterhin komplette Transparenz nach innen und nach außen. Aber, wie gesagt, es gehört eben immer auch Glück dazu, dass etwas groß wird.

 

KA: Helden? Sie hätten gewiss gut mithelfen können beim Suchen. Aber nun brechen Sie erst einmal auf, von Neukölln nach San Francisco. Und wieder zurück?

 

TL: Ich werde sicher die nächsten Jahre bei Yahoo! in Kalifornien arbeiten. Aber meine Wohnung in Neukölln werde ich nicht aufgeben. In Berlin bin ich zu Hause.

 

KA: Danke. Das ist ein Wort.

 


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