Pfarrerin Elisabeth Kruse
Die Neuköllner Genezareth-Gemeinde geht seit einigen Jahren neue Wege. Mit dem „Interkulturellen Zentrum“ schuf sie eine Begegnungsstätte für alle im Kiez. genezareth-gemeinde Die Gemeinde, die aktiv Kontakt zu Neuköllner Muslimen pflegt, sieht sich als Partner in einer Allianz mit vielen Anderen, die für die Verbesserung der Lebensbedingungen im Neuköllner Norden eintreten. So zählt die Gemeinde auch zu den ersten N+Stiftern. Mit Pfarrerin Elisabeth Kruse sprach Dr. Kurt Anschütz. Lesen Sie das vollständige Interview hier.
Interview mit Elisabeth Kruse
Kurt Anschütz: Das Interkulturelle Zentrum Genezareth ist in den zwei Jahren seines Bestehens rasch zu einem Neuköllner Ort der Begegnung zwischen Religionen und Kulturen geworden. Und auch zu einem Ort der Solidarität – offen für die Menschen und ihre Nöte. Es steht unter der Trägerschaft der Evangelischen Kirchengemeinde Genezareth. Als Pfarrerin hast Du Verantwortung für beide: sowohl für die Gemeinde mit ihren Bedürfnissen als auch für das Zentrum, das für die Anderen da sein soll. Geht das für Dich persönlich gut zusammen?
Elisabeth Kruse: Ja, für mich gehört eines zum anderen. Nachdem ich sieben Jahre Schulpfarrerin und zuvor Krankenhausseelsorgerin gewesen war, wollte ich wieder in eine Gemeinde. Dass sich diese Chance in Neukölln ergab, kam mir entgegen, denn es hat mich hingezogen zu den Herausforderungen durch einen sozialen Brennpunkt und durch die multikulturelle und multireligiöse Nachbarschaft. Und spannend fand ich die Zusammenarbeit mit den vielen anderen Akteuren im Bezirk. Ich bin streng christlich, sehr traditionell erzogen worden. Aber vor religiöser Engstirnigkeit bin ich dennoch bewahrt geblieben. Denn von meiner Jugend an hat mich ein Thema beschäftigt, das notwendigerweise ins Weite führt: Wie verhält sich das Christentum zu anderen Religionen? Und da kam mir die hundertjährige Genezareth-Gemeinde mit ihrer so modernen Baustelle und ihrem Vorhaben, sich zu öffnen, gerade Recht. Wie sich alles fügt!
Es war in der Tat eine günstige Konstellation – die Gemeinde war bereit für Neues. Und gleichzeitig wünschten sich die Bewohner im Schillerkiez ein Begegnungszentrum.
Auf der ersten durch das Quartiersmanagement einberufenen Bewohnerkonferenz wurde der Wunsch laut nach einem öffentlichen Begegnungsort auf dem Herrfurthplatz, der zur Verbesserung der Lebensqualität im Kiez beitragen sollte. Das Quartiersmanagement nahm diesen Wunsch auf und bot finanzielle Mittel aus dem Programm „Soziale Stadt“ an. Und die Gemeinde hatte ihrerseits begriffen, dass sie Teil eines gesellschaftlichen Ganzen ist und dass sie sich konzentrieren musste – räumlich auf das Kirchengebäude und inhaltlich auf ein Leben zusammen mit den Nachbarn im Kiez. „Genezareth“ war dann also während meiner ersten drei Jahre Baustelle, wir arbeiteten in Containern. Im Mai 2006 haben wir die Einweihung des Zentrums gefeiert.
„Leben mit den Nachbarn im Kiez“: Das hört sich programmatisch und auch sehr gut an.
Eine christliche Gemeinde ist ja nicht für sich selbst da. Sie hat einen Auftrag. So wie Jesus, ist auch sie für die Welt da. Und unsere Welt sind die Menschen im Kiez: mit ihren Schwierigkeiten und mit ihren vielfältigen Möglichkeiten, mit ihren Freuden und der Erfahrung von Ungerechtigkeit und Verdrängung an den Rand der Gesellschaft. Mit dem Interkulturellen Zentrum wollen wir ein Ort für alle sein. In Veranstaltungen werden die Probleme des Zusammenlebens thematisiert und diskutiert, kulturelle Angebote gibt es bei uns zuhauf. Und wir haben Gruppen, in denen Menschen aller möglichen Prägungen zusammenkommen können, um miteinander zu lernen, zu spielen und zu feiern. Und inzwischen ist auch das Café Selig mit seinem kulinarischen und kulturellen Programm zu einer festen Adresse im Kiez geworden.
Wie wurde das Zentrum finanziert?
Zwei Drittel der fast 3 Millionen Euro, die in den Umbau investiert wurden, sind von der Gemeinde und dem Evangelischen Kirchenkreis Neukölln gekommen. Und ein Drittel stammt aus öffentlichen Geldern: von der Europäischen Union und dem Land, genauer vom Umwelt-Entlastungs-Programm und vom Programm „Soziale Stadt“, sowie von der ARD-Fernsehlotterie. Die Gemeinde war bereit, sich hoch zu verschulden. Aber ich denke, das Geld ist gut investiert worden.
In Vielem wird die Gemeinde Spiegelbild ihres Umfeldes sein: Gab es nicht auch Ängste vor dem unbekannten Neuen und Versuche der Abschottung?
Das Ganze war und bleibt schon eine große Herausforderung für ein traditionelles Kirchenverständnis. Da gab es durchaus die Frage, ob wir unser „Eigenes und Eigentliches“ überhaupt bewahren können, wenn wir uns so weit öffnen, ob wir nicht untergehen. Und natürlich war die Befürchtung da, dass wir uns mit unseren Kräften übernehmen könnten. Aber nach zwei Jahren gibt es auch Stimmen, die sagen: „Ich war skeptisch, aber jetzt bin ich froh, dass es so viel Bewegung gibt bei uns.“ Ja, und durch diese „Bewegung“ sind uns auch Kräfte zugewachsen: Manch einer ist durch die Aktivitäten des Interkulturellen Zentrums auf die Gemeinde aufmerksam geworden, die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und –besucher ist gestiegen. Und wenn man bedenkt, dass Christenmenschen aus über 20 Nationen zur Gemeinde zählen, relativiert sich auch schon dadurch manche Besorgnis. Und unser Gemeindeleben ist wieder fröhlicher geworden, seit die entbehrungsreiche Übergangs- und Bauphase überstanden ist. Übrigens weiß „Genezareth“ seit Anfang, dass Gott gerade dann hilft, wenn Gefahr droht: Wir haben am Kircheneingang ein großes Wandmosaik, das uns einst gestiftet wurde. Es stellt den im Wasser versinkenden Petrus dar, wie er von Jesus gerettet wird. Im Anschauen dieses Bildes kann Angst schwinden.
Und in die andere Richtung gefragt: Gab es außerhalb der Kirche nicht vielleicht auch Befürchtungen, dass die Gemeinde das Zentrum dominieren könnte?
Mag sein, aber dazu gibt es keinen Grund. Denn die Strukturen sind klar. Es gibt eine Kooperationsrunde, in der alle gesellschaftlichen Kräfte, die sich für das Zentrum interessieren, mitarbeiten und mitbestimmen können. Gerade so, wie die Bürgerstiftung das hoffentlich immer noch mehr tut.
Zentrales Anliegen ist die Begegnung zwischen den verschiedenen Religionen, gelingt Euch das?
Wir haben jedenfalls begonnen und wissen: Man braucht einen langen Atem. Tatsache ist: Wir kennen einander immer noch zu wenig in unseren Anschauungen von Gott und der Welt. Vorurteile müssen ausgeräumt und langfristig von ehrlicher Auseinandersetzung abgelöst werden. Das Interesse an Begegnung und Dialog muss allerdings immer wieder geweckt werden. Aber wenn wir nicht miteinander sprechen und uns immer wieder auch gegenseitig kritisch befragen, kommen wir auch gesellschaftlich nicht voran. Im letzten Jahr hatten wir das „Jahr der Begegnung“: Besuche hin und her zwischen der benachbarten Sehitlik-moschee und der Genezareth-Gemeinde. Darauf wollen wir nun aufbauen.
Erreicht Ihr damit die Menschen in ihrem wirklichen Alltag?
Wir versuchen es so gut, wie wir es jetzt schon können. Wir brauchen Geduld und noch mehr Partner. Wir haben uns deshalb sehr gefreut, dass das Arabische Kultur-Institut uns als Partner für ein interreligiöses Bildungsprojekt angefragt hat. Und ich bin meinerseits auf das Türkisch-Deutsche Zentrum zugegangen, nachdem ich gehört hatte, dass sie dort dringend Menschen suchen, die ehrenamtlich mit kleinen Migrantengruppen zusammenkommen, um ihnen beim Deutschlernen und beim Heimischwerden zu helfen. Wir haben rasch ein Dutzend Bereitwillige gefunden. Das ist kleinteilige interreligiöse und interkulturelle Begegnung, die bis in den Alltag hineindringt. Und es ist auch Stärkung der Lebenskompetenz, die ja unser aller Ziel ist. Übrigens bin ich dem AKI und dem TDZ zunächst als N+Mitstiftern begegnet, da war dann schon eine gemeinsame Basis da.
Die Genezareth-Gemeinde, damals selbst Baustelle, hat auch die Bürgerstiftung mitgegründet.
Ja, beides gehört auch hier zusammen. Es fiel der Gemeinde zwar nicht leicht, die erforderlichen 500 Euro aufzubringen, und die Frage war natürlich: Was bringt uns diese Investition? Aber ich fand, dass wir nicht beiseite stehen konnten. Denn wir brauchen verlässliche Allianzen besonders mit multiethnischen Integrationsprojekten. Und außerdem: Eine Stiftung, die Kapital zusammenträgt, ist ein Signal an kommende Generationen. Und unsere Zusammenarbeit hat ja schon Früchte getragen: Wir haben mehrere Veranstaltungen gemeinsam gemacht. Und den jährlich am 6. Dezember stattfindenden „Abend der Begegnung“ mit Muslimen verdanken wir der Stiftung. Sie hatte nicht nur die schöne Idee, sondern verfügte auch über das erforderliche Netzwerk. Im Übrigen hat sich daraus dann das erwähnte „Jahr der Begegnung“ entwickelt.
Rechtsradikale wollten vor ein paar Tagen mit einem Aufmarsch den Bau eines Hindutempels in Neukölln-Britz verhindern. Du hast zur Teilnahme an der Gegen-Demonstration aufgerufen.
Ja. Was ich bei den Grundsteinlegungen zum Begegnungszentrum der Sehitlik-Moschee und zum Hindu-Tempel in der Hasenheide gesagt habe, ist auch jetzt meine Position: Wir leben in einem säkularen Staat – Gott sei Dank! Das heißt: Niemals können die Regeln einer Religion als bindend für alle betrachtet werden. Und dies wiederum beinhaltet das Recht auf freie Religionsausübung. Sofern religiöse Gruppen friedliebend sind und sich unter dem Dach der Grundrechte vereinen, kann es für unser Gemeinwesen doch nur gut sein, wenn sie sich an ihrem Ort sammeln, der sie stabilisiert und ihnen zu einem guten Leben verhilft. Wenn wir gegen die Rechtsradikalen zusammenstehen, verteidigen wir mit unseren verschiedenen Religionen zugleich auch unsere Demokratie.
Lass uns enden mit der Einladung zu einer Mitmach-Aktion. Am 26. September 2008 veranstaltet das Interkulturelle Zentrum Genezareth gemeinsam mit der STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Nachbar in Neukölln“. Damit dort möglichst wirklichkeitsnah diskutiert werden kann, habt Ihr die Bewohner aufgerufen, sich vorab zu Wort zu melden.
Der Hintergrund: Wenn ich Besuche im Kiez mache, frage ich manchmal nach dem Verhältnis zu den jeweiligen Nachbarinnen und Nachbarn. Da gibt’s zur Antwort dann alles zwischen Begeisterung und heftiger Klage. Wir bitten jetzt die Bewohner, einmal in Form eines Briefes all das aufzuschreiben, was sie ihren Mitbewohnern immer schon einmal sagen wollten. Wir hoffen, dass das dann hier und da auch zu einem direkten Austausch zwischen den Betroffenen führen wird. So könnten sie sich ihr Zusammenleben leichter machen. Nichts geht ohne Begegnung.
Herzlichen Dank und weiterhin viel Einfallsreichtum und Kraft!


