Im Gespräch: N+Stifter Peter Doderer unterstützt Bürgerstiftung Neukölln "stellvertretend für Berlin"
Seit gut einem Jahr unterstützen die deutschen Freimaurer das N+Projekt Neuköllner Talente. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler hatte den Anstoß dazu gegeben. Nun hat sich der "Zugeordnete Großmeister" Peter Doderer entschlossen, zum bevorstehenden fünfjährigen Bestehen der Bürgerstiftung Neukölln selbst N+Stifter zu werden. Über seinen Lebensweg und die Liebe zur deutschen Klassik, über die Freimaurer und sein Engagement als N+Stifter sprach Dr. Kurt Anschütz mit ihm. Lesen Sie nachfolgend das Interview mit Peter Doderer:
Kurt Anschütz: Herr Doderer, Sie leben weit weg. Und dennoch engagieren Sie sich für die Bürgerstiftung Neukölln.
Peter Doderer: Dr. Knut Bergmann, der selbst vor einigen Jahren zugestiftet hatte, hat mich aufmerksam gemacht: „Dort arbeiten sie am Brennpunkt der Probleme.“ Und dann habe ich die Wismarer Rede von Bundespräsident Köhler gelesen, in der er über die Bedeutung der Bürgerstiftungen für die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes sprach, und auch er sprach von der Neuköllner Bürgerstiftung und ihrem Mentorenprojekt an einer Hauptschule. So war mein Beginn.
Kurt Anschütz: Sie haben dann ja rasch das N+Talente-Projekt unterstützt, und nun werden Sie gar auch Stifter.
Peter Doderer: Ich habe riesige Hochachtung vor Menschen, die sich bereit finden, in einem solchen Schmelztiegel Verständnis für den anderen zu erzeugen. Und dass sie versuchen, jungen Menschen eine Perspektive anzubieten, spricht mir aus dem Herzen. Ein Besuch in der Stiftung hat mir dann gezeigt, in welcher Vielschichtigkeit hier gearbeitet wird, das konnte ich mir von außen ja gar nicht vorstellen – Sie haben ja Recht, ich wohne in Osnabrück weit weg. Ich verstehe N+ jetzt so: Die Bürgerstiftung verfolgt keine Doktrin, und keine politische Ausrichtung setzt ihr Grenzen. Sie will Menschen interkulturell zusammenbringen. Und sie will Stütze sein für Menschen, die Hilfe brauchen.
Kurt Anschütz: Sie kommen ins Leuchten …
Peter Doderer: … ich spiegele. Goethe sagt: „Denken und tun!“ Es geht um die Einheit von beidem, und an dieser Einheit fehlt es in unserer Gesellschaft weithin. Ich freue mich einfach, dass ich letztes Jahr in Neukölln ein Modell gefunden habe!
Nachkriegskind – Selfmademan – Liebhaber der deutschen Klassik
Kurt Anschütz: Um beides ist es Ihnen ja auch professionell stets gegangen: Sie waren Unternehmensberater. Erzählen Sie etwas aus Ihrem Leben: Nachkriegskind – Selfmademan – Liebhaber Goethes und der deutschen Klassik?
Peter Doderer: In etwa mag’s stimmen mit Ihrer Charakterisierung. Ich bin 1944 in Essen geboren, mein Vater fiel noch in den letzten Monaten vor Kriegsende, in einem Heim wuchs ich auf. Als meine Mutter zehn Jahre später wieder geheiratet hat, konnte ich zurück in eine neue Familie. Nach einer Verwaltungslehre machte ich eine Metzgerlehre, weil mein Onkel mir seine Metzgerei im Württembergischen übertragen wollte. Ich begann, Produkte für die Fleisch- und Wurstwarenindustrie zu entwickeln, und daraus entstand eine erfolgreiche Handelsagentur. Nach einem Studium und einigen Jahren in der Schweiz habe ich mich dann aber als Unternehmensberater selbständig gemacht und im In-und Ausland gearbeitet. In diesen Monaten bin ich dabei, mein Geschäft an meinen Bruder zu übertragen. Ich hatte letztes Jahr eine große Herzoperation, es wird also Zeit.
Kurt Anschütz: Im vergangenen Jahr haben Sie für Ihr gesellschaftspolitisches und speziell für Ihr kulturpolitisches Engagement über Jahrzehnte hinweg das Bundesverdienstkreuz erhalten. Bei der Verleihung wurden neben Ihren vielen Aktivitäten im Osnabrücker Land Ihre nunmehr fünfzehnjährige Mitarbeit in der Stiftung Klassik Weimar hervorgehoben sowie Ihre Vorstandsarbeit im Freundeskreis des Goethe Nationalmuseums in Weimar, in dessen Ehrenbeirat Sie inzwischen berufen worden sind. Darüberhinaus waren Sie Gründungsmitglied der Gesellschaft der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und haben im Kuratorium mitgeholfen, diese international einmalige Schriften- und Nachlass-Sammlung der deutschen Klassik auf einen soliden finanziellen Boden zu stellen. Sie leben also nicht nur weit weg von Neukölln, sondern Sie kommen auch von weit her …
Peter Doderer: … ich sehe jedoch zugleich auch das unmittelbar Verbindende, nämlich die Sorge um die Eigenentwicklung und um die Selbstentfaltung des Menschen. Das große aufklärerische Moment in der deutschen Klassik ist doch dieses Universelle: Alle Menschen haben die gleichen Chancen. Ins Ziel kommen muss dann zwar jeder allein, und allein klar kommen muss jeder irgendwann auch mit der Bilanz-Frage des Schusters Voigt in Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“: „Mensch, Du, was haste gemacht aus Deinem Leben?“ Aber zuvor hat jeder ein Recht darauf, dass ihm bis zum Starten geholfen wird und dass ihm in Bildung und in Herzensbildung Unterstützung zuteil wird. In diesem großen Gesamtzusammenhang steht für mich die Bürgerstiftung Neukölln.
Freimaurer sein
Kurt Anschütz: Als Frucht Ihres bürgerschaftlichen Engagements ist Ihnen in reifem Alter eine besondere Heimat zugefallen. Das hat sich glücklich gefügt.
Peter Doderer: Ja, das sagen Sie schön. Es begann damit, dass fremde Menschen aus den Vereinigten Staaten, die wussten, dass ich im Freundeskreis des Goethe Nationalmuseums war, mich anschrieben mit der Frage: „Lässt sich etwas über Goethes Mitgliedschaft in der Weimarer Freimaurer-Loge Anna Amalie nachweisen?“ Bis dahin hatte ich mich nicht besonders mit der Freimaurerei beschäftigt. Aber je mehr ich nun recherchierte, desto stärker fand ich mich angesprochen in all dem, was im Laufe des Lebens bestimmend für mich geworden war. Freimaurer war ja nicht allein Goethe, sondern zu den Großen gehörten auch Voltaire in Frankreich, Friedrich der Große in Preußen, Carl Schurz in den Vereinigten Staaten oder der bei uns gänzlich vergessene Karl Philipp Christian Krause mit seiner ewiggültigen Grundgesetz-Formulierung „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Oder denken Sie an Mozart und Schikaneder in der Zauberflöte: „Er ist ein Prinz! Mehr noch – er ist Mensch!“ Den Menschen aus dem geschichtlich Zufälligen zu sich selbst erwecken, das ist universelle freimaurerische Aufklärung. Und dann die beiden, Briand und Stresemann, die mir in unserem Jahrhundert so besonders wichtig sind: „Humanität geht vor Nation.“ Diese Großen der Entwicklungsgeschichte haben uns Heutigen den Boden bereitet.
Kurt Anschütz: Sie haben dann bei den organisierten Freimaurern Verantwortung übernommen und wurden „Meister vom Stuhl“ der Loge „Zum goldenen Rade“ in Osnabrück, also Vorsteher …
Peter Doderer: … wobei klar sein muss, dass es dabei nicht um eine Herrschaftsstellung gehen kann: Selbst wenn man Meister ist, ist man gegen Torheit nicht geschützt, Lehrling bleibt man sein Leben lang …
Kurt Anschütz: Und nun sind Sie in das Leitungsgremium der „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland“ berufen worden – der größte innerdeutsche Bund von Logen mit insgesamt wohl etwa 10.000 Mitgliedern. Als „Zugeordneter Großmeister“ sind Sie vor allem mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut und Ansprechpartner der Medien in gesellschaftlichen Fragen.
Peter Doderer: Ja, es gab da bisher bei uns in Deutschland ein gewisses Defizit an Selbstdarstellung. Nun aber wollen wir als Großloge der Öffentlichkeit vermitteln, was Freimaurerei überhaupt ist und hin und wieder auch zu wesentlichen Fragen des Zusammenlebens Stellung beziehen. Es geht dabei nicht um zentralistische Bevormundung. Denn jeder Einzelne von uns denkt frei, und jeder handelt so, wie er es vor unseren Idealen verantworten kann – solange er in der Zeitspanne, die ihm zugemessen ist, „der Not und dem Elend nicht den Rücken kehrt“, wie es in einem unserer Ritualtexte heißt. Aber darüber hinaus wollen wir auch als Großloge sichtbar für Toleranz, Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft stehen. „Was bleibt vom Wert, wenn der Wert nichts mehr wert ist?“, diese Frage müssen wir stellen in einer Gesellschaft, der die Werte abhanden kommen und in der der Konsum von Meinungen das selbstverantwortliche Prüfen ersetzt. Freimaurerei ist keine Religion, und deshalb machen wir auch keine Heilsversprechungen fürs Jenseits. Unser ganzes Interesse liegt vielmehr auf der Bewerkstelligung des Diesseits. Die Großloge muss am „Tempel der Humanität“ bauen – gemeinsam mit vielen anderen, mit denen wir nun das Gespräch suchen und von denen wir auch lernen wollen.
Die Dankbarkeit fürs Leben zurückgeben
Kurt Anschütz: Die Großloge, die bereits letztes Jahr das „Talente-Projekt“ der Bürgerstiftung Neukölln mit 4.200 Euro unterstützt hatte, hat kürzlich zum zweiten Mal der Bürgerstiftung eine bedeutende Spende zukommen lassen: 3.500 Euro, die mithelfen werden, dass auch Neuköllner Schulklassen am bundesdeutschen Wettbewerb „Ecopolicyade. Vernetzt denken, Gegenwart meistern, Zukunft gestalten" teilnehmen können. Es geht dabei um die spielerische Einübung in die oft so undurchschaubaren gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse.
Peter Doderer: Ja, da die Großloge ihren Sitz in der Hauptstadt hat, wollen wir hier auch ein Zeichen setzen und unser Gesicht zeigen. Wir nehmen die Bürgerstiftung Neukölln stellvertretend für Berlin …
Kurt Anschütz: … so etwas Schönes habe ich noch nicht gehört …
Peter Doderer: … und deshalb werden wir sie auch weiterhin unterstützen. Und darum mache ich zum fünfjährigen Jubiläum nun auch persönlich eine Einlage ins Stiftungskapital.
Kurt Anschütz: Was für jeden Stifter gilt, gilt besonders augenfällig auch für Sie: Sie bringen nicht allein Geld in die Stiftung ein und Ihre Zeit, sondern zugleich Ihr Authentisches: Ihren Glauben an eine gestaltungsoffene Zukunft, Ihr Zutrauen zu den Menschen. Und Sie geben Ihre Dankbarkeit für den Lebensweg und für die mancherlei erfahrenen Bewahrungen zurück.
Peter Doderer: Ja, „Dankbarkeit zurückgeben“: Ich habe nie vergessen, woher ich komme. Und auch die Gewährung meiner Zeit ist mir bewusst: Leben ist Urlaub vom Tod. Letztes Jahr ging es knapp am Ende vorbei. Aber dank einer Zufallsuntersuchung wurde mir noch einmal neue Zeit geschenkt.
Kurt Anschütz: Und da wir nun so weit gekommen sind: Woher nehmen Sie Kraft und woher die Gelassenheit?
Peter Doderer: Was kann ich Ihnen hinführend antworten? Ich erlebe die Loge als ein Refugium, in das ich mich zurückziehen darf. Im Austausch mit den Logenbrüdern, im Gefühl verlässlicher Gemeinschaft, finde ich Entlastung und Freude. Gemeinsam leben wir in der Beziehung auf die Großen der Vergangenheit, und gemeinsam kreisen wir um die Frage, die Keiner allein beantworten kann: „Was ist wirklich authentisch?“ In der Loge halten wir inne. Und gerade so ändern wir uns fort. Verschwiegenheit ist uns Tugend. Wir reden nicht über den Bruder, das haben wir ihm versprochen. Und unseren Einweihungsbund preisen wir nicht werbemäßig an. Aber ernsthafte Sucher zu sich selbst finden uns. Und nun bin ich bei Ihrer Frage nach dem Ursprung von „Kraft und Gelassenheit“. Der Ursprung ist das Geheimnis: Die Brüder nennen mich gerne ihren Bruder. Aus diesem Privileg lebe ich.
Kurt Anschütz: Danke für dieses Sinnstifter-Gespräch, das uns weit über N+ hinausgeführt hat.

