N+Stifter im Gespräch: Das Team der Neuköllner Klinik für Psychiatrie

Dr. von Peter, Dr. Munk, Brockhaus (v.l.)

11. Mär 2009 (ka) – 

Im Herbst 2008 ist ein engagiertes Team aus dem Klinikum Neukölln N+Zustifter geworden: Dr. Ingrid Munk, Simone Brockhaus und Dr. Sebastian von Peter. Sie arbeiten an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und treten für eine Eingliederung der Psychiatrie in die Gesellschaft ein. Über ihre Arbeit in Neukölln und Ideen für die Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung Neukölln sprach Dr. Kurt Anschütz mit ihnen. Lesen Sie das Interview hier:

 

 

Interview mit Dr. Ingrid Munk, Simone Brockhaus, Dr. Sebastian von Peter, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Klinikums Neukölln

 

Dr. Kurt Anschütz: Teil unseres Neuköllner Klinikums ist die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, an der Sie arbeiten. Sie sind im vergangenen Herbst N+Zustifter geworden. Lassen Sie uns überlegen, welch beidseitiger Gewinn daraus wachsen kann. Zunächst aber erst einmal vielen Dank, dass Sie sich am Ende eines langen Arbeitstages Zeit für dieses Gespräch nehmen! Ein Wort zur Vorstellung?

 

Munk: Ich bin Dr. Ingrid Munk; seit gut zwei Jahren arbeite ich als Chefärztin an unserer Klinik, vorher war ich 5 Jahre Chefärztin einer Psychiatrischen Klinik in Leipzig. Wir sind 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aufgeteilt auf sechs Stationen, ein Kriseninterventionszentrum sowie zwei Tageskliniken außerhalb des Klinikgeländes in der Emser Straße und in der Riesestraße.

 

Brockhaus: Mein Name ist Simone Brockhaus. Ich bin Fachkrankenschwester für Psychiatrie und stellvertretende Stationsleiterin und seit 17 Jahren hier tätig. Ich werde unsere Klinik in der Stiftungsversammlung vertreten.

 

von Peter: Ich bin Facharzt hier und heiße Sebastian von Peter. Zusammen mit Frau Brockhaus bin ich in der Arbeitsgruppe Migration. Von uns kam auch der Impuls, Zustifter der Bürgerstiftung zu werden.

 

KA: Ursprünglich wollten wir bereits 2004 das Klinikum insgesamt als Gründungsstifter gewinnen. Infolge der großen Umstrukturierungen im Klinikum kam es dann jedoch nicht zu einer Beteiligung. Aber das darf ja noch werden. Nun hat die Psychiatrie den Anfang gemacht. Ganz offensichtlich ist dieses gesellschaftliche Lokal-Engagement Teil Ihres Selbstverständnisses.

 

Munk: Das ist richtig. Zum größeren Zusammenhang: Es gibt ja zwei psychiatrische Konzepte - entweder Behandlung außerhalb der Kommune, weit weg von der Stadt, um dem Patienten eine ganz neue, möglichst belastungsfreie Situation zu bieten. Oder: Behandlung im jeweiligen Krankenhaus unmittelbar vor Ort, damit der Patient möglichst nah an seinem sozialen Umfeld bleibt, in welches er dann ja doch auch wieder integriert werden soll. Dieses Konzept der „psychiatrischen Klinik vor Ort“ gibt es seit etwa 30 Jahren. Hier in Neukölln wird es seit den 90er Jahren praktiziert. Inzwischen ist auch die „kommunale Verantwortung“ festgeschrieben, so dass jeder Neuköllner ein Anrecht hat, hier bei uns aufgenommen zu werden. Vorher mussten psychisch Erkrankte in der Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf aufgenommen werden.

 

KA: … „Bonnis Ranch“ war die stigmatisierende Bezeichnung …

 

Psychiatrie in die Gesellschaft!

 

Munk: … wir müssen aus der Stigmatisierung, aus der Exklusion heraus! Uns geht es darum, die Psychiatrie in die Medizin und in die Gesellschaft einzugliedern. Aber bei diesem Ansatz stellt sich natürlich sofort die Frage: Wie lassen sich Patienten, die sich nicht so verhalten wie alle anderen Menschen, in die Gemeinde und in die Lebenszusammenhänge ihrer Angehörigen und ihrer Nachbarschaft integrieren? Hier stellt sich die Frage der Toleranz für jeden Bürger.

 

Brockhaus: Daher ist uns schon während des Klinikaufenthaltes die Nähe zu den Angehörigen so wichtig. Das erleichtert dann eine möglichst gleitende Überführung in die wohnortnahe Betreuung.

 

KA: Mich hat beim Lesen Ihres Jahresberichtes verblüfft, dass die Verweildauer in der Klinik im Durchschnitt nur 17 Tage beträgt. Denn wenn ich an Psychiatrie denke, dann ist sofort mein Stiefgroßvater da. Er hatte einige Verhaltensmerkwürdigkeiten, die meine Großmutter überforderten. Für seine Restjahre wurde er in eine Anstalt eingewiesen. Wir standen am Zaun: „Holt mich doch hier raus!“

 

Munk: Untergebracht auf Dauer wird heute niemand mehr. Patienten bleiben so lange, wie es aufgrund ihres Krankheitsbildes erforderlich ist; das können ein paar Tage bis im Ausnahmefall ein Jahr sein. Dann gehen sie wieder nach Hause, und das ist vom ersten Tag an das Ziel der Behandlung.

 

KA: Manche Patienten kommen wieder. Sie kehren dann in ihre „Heimatstation“ zurück. Dieser Begriff berührt mich.

 

Brockhaus: „Heimatstation“ meint: Die Patienten - noch mehr als andere Menschen - brauchen Konstanten. Gerade in den Turbulenzen einer akuten Krankheitsphase suchen sie Verlässliches. Darum nehmen wir die Patienten in ihre frühere Station auf, damit sie einen personellen und räumlichen Zusammenhang haben. Wir erkennen uns wieder. Und das ist förderlich.

 

Nicht alle haben gute Orte im Leben

 

von Peter: Bei unserer Arbeit geht es uns um Entinstitutionalisierung sowohl der Behandlung als auch der Gesundung. Aber: Wie überleben Menschen ohne uns? Nicht alle haben gute Orte im Leben. Viele sind sehr einsam, fast 60 Prozent kommen aus einem Ein-Personen-Haushalt! An wen können wir da die Verantwortung abgeben? Darum kommt besondere Bedeutung dem ambulanten Bereich zu und natürlich auch dem Betreuten Wohnen. Als Klinik arbeiten wir mit verschiedenen lokalen Trägern intensiv zusammen.

 

Brockhaus: Aber auch das Betreute Wohnen soll möglichst nur ein Angebot auf Zeit sein. Wie jedoch ins soziale Leben zurückkommen? Das ist ja gerade auch der Wunsch der meisten unserer Patienten. Sie wollen nicht lebenslang auf ihre Krankheit reduziert werden, und darum sprechen sie von sich auch nicht defizitär als von „psychisch Kranken“, sondern positiv bezeichnen sie sich als „Psychiatrieerfahrene“. Sie wollen nicht weiterhin ausgegrenzt sein. Tatsache ist aber, dass sie auch „draußen“ weitgehend unter sich bleiben. Wir sind deshalb dabei, ein „psychiatrisches Netz“ im Bezirk aufzubauen …

 

KA: … die Trialog-Gruppe …

 

von Peter: … ja, beispielsweise. Seit einem Jahr machen wir mitten im Neuköllner Rathaus zusammen mit der Volkshochschule Abendveranstaltungen, die die Reintegration fördern sollen. Vierwöchentlich - jeden dritten Montag im Monat - treffen sich Menschen, um sich über Erfahrungen mit ihren psychischen Erkrankungen, mit der Gesundung und mit der gesellschaftlichen Wiedereingliederung auszutauschen; die Teilnehmerzahl schwankte bislang zwischen 20 und 60. Das Besondere ist, dass die Veranstaltungen von einer Dreier-Gruppe moderiert werden, die sich aus einem Psychiatrie-Erfahrenen, einer Angehörigen und einem Psychiatrie-Mitarbeiter zusammensetzt. Alle sitzen um einen großen Tisch, die Gespräche sind sehr wertschätzend, und wer sich aufs Zuhören beschränken will, kann ohne Druck schweigen. Das läuft sehr gut.

 

KA: Ihrem Ansatz nach müsste eigentlich als vierter Partner auch die Zivilgesellschaft vertreten sein. Tetralog?

 

Munk: Ja, genau. Lassen Sie uns daran arbeiten! Genau aus diesem Grund sind wir zur Bürgerstiftung gekommen.

 

Versorgung von Migranten

 

KA: Herr Dr. von Peter, Sie haben eingangs auf die Arbeitsgruppe Migration verwiesen. Es geht der Klinik um eine „migrantenspezifische Versorgung“.

 

von Peter: Die Arbeitsgruppe trifft sich seit Anfang 2008, jeder stationäre Bereich entsendet einen Vertreter. Bis dahin hatten wir kein Forum für die Frage, welche spezifischen Angebote Migranten gegebenenfalls brauchen. Inzwischen haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht, unsere Schwierigkeiten identifiziert und dadurch zugleich auch ein neues Bewusstsein gewonnen. Der Transfer in die Stationen hinein läuft gut.

 

KA: Ergebnisse?

 

von Peter: Mitarbeiter mit Migrationshintergrund wurden verstärkt eingestellt, die fremdsprachlichen Schwierigkeiten konnten durch ein besseres Dolmetschangebot reduziert werden, Aufklärungsmaterialien liegen nun in verschiedenen Sprachen vor. Und ganz wichtig: Wir haben einschlägige Fortbildungen in unser klinisches Weiterbildungsprogramm aufgenommen.

 

KA: Wir können hier nicht ins Einzelne gehen, aber den Kern Ihres Positionspapieres will ich doch wenigstens ansprechen. Sie plädieren darin für die Steigerung von „transkultureller Kompetenz“, und gleichzeitig warnen Sie vor der Gefahr der „Kulturalisierung“.

 

von Peter: Klar ist: Die Sprache ist die Barriere. Und: Alle Mitarbeiter brauchen Wissen über kulturelle Hintergründe. Aber das genügt nun eben nicht. Denn, um es zugespitzt zu sagen: Es reicht nicht, wenn wir die Patienten in ihrer „Kultur“ zur Kenntnis nehmen - denn: Was ist „die“ türkische Kultur? Sie ist doch genauso wenig homogen, wie „die“ deutsche Kultur es ist. Unsere Aufgabe ist umfassender: Wir müssen die Welt des jeweiligen Patienten übersetzen. Dazu brauchen wir eine Aufmerksamkeit für diesen einen konkreten Menschen - also Offenheit, Neugier für sein Fremdes, Toleranz, Bereitschaft zur Infragestellung unserer individuellen oder auch kulturvermittelten Tabus, und immer wieder brauchen wir Geduld mit uns Beiden. Wir haben bezeichnenderweise in unserem Arbeitskreis schnell auch Entdeckungen gemacht, die gerade nicht „die“ Migranten allein betreffen, sondern die für die Belange aller Patienten bedeutsam sind.

 

KA: Dennoch: Heimatlosigkeit, Isolierung, fehlende Perspektiven für eine Integration in eigener Würde und durch eigene Leistung – sind das nicht Fundamentalerfahrungen, die gerade Migrantinnen und Migranten machen müssen?

 

von Peter: Ja, aber das betrifft doch nicht allein Migranten! Nur gut 20 Prozent unserer Neuköllner Patienten leben von eigenem Erwerbseinkommen, viele sind ohne Job, und sie werden auch keinen Zugang zu bezahlter Arbeit mehr finden. Viele sind ohne Geld. Die Armut geht über alle Grenzen der Herkunft hinweg. Und die Perspektivlosigkeit auch! Bei aller Kultursensibilität müssen wir vor allem das soziale Problem thematisieren: Armut macht krank. Von Hatz IV leben müssen, von 351 Euro, das ist Förderung von Exklusion.

 

Armut macht oft krank

 

KA: Also: Direkter Zusammenhang zwischen Hartz IV und vielen Krankheitsgeschichten?

 

von Peter: Eindeutig.

 

Munk: Natürlich stimmt es, dass viele Migranten unter einer besonderen Heimatlosigkeit leiden: Sie wurden aus ihrem Vertrauten durch Kriege und Verfolgungen herausgerissen oder wanderten weg in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Egal, ob migriert oder nicht: Wenn sich bei Menschen das Gefühl einstellt, dass man vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, dann ist Arbeitslosigkeit ein Risikofaktor schon für Gesunde, und für Depressive und Abhängige potenziert sich das Risiko. Wir haben hier einen Teufelskreis. Darum sind die Sozialarbeiter Hauptstützen unserer Therapie. Denn für viele psychisch Kranke ist es schwierig, sich im System sozialer Hilfen und bei Hartz IV zurechtzufinden. Sie brauchen systemerfahrene Helfer. Ein Detail: Beim Jobcenter gibt es keine persönliche Zuordnung und keine direkte Erreichbarkeit. Diese fehlende Unmittelbarkeit überfordert viele unserer Patienten und ist schädlich für Heilung und für Integration.

 

KA: Zivilgesellschaft und Psychiatrie?

 

Munk: Grundsätzlich: Die Psychiatrie ist befugt, bei Vorliegen eines richterlichen Beschlusses Menschen vorübergehend Freiheit und Selbstbestimmung zu entziehen. Das sind bei uns in der Klinik etwa acht Prozent der Patienten. Bereits deshalb muss sich die Psychiatrie als Teil der Zivilgesellschaft begreifen, und bereits deshalb muss die Zivilgesellschaft mitten in der Psychiatrie wachsam präsent sein. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden. Transparenz und Offenheit sind gefordert. Die Psychiatrie braucht die bürgerliche Öffentlichkeit. Und diese muss bereit sein, Vorurteile abzubauen. Wir hoffen, dass wir mit der Bürgerstiftung ganz konkrete Projekte vereinbaren können. Vielleicht noch dies für mich so Zentrale: In Deutschland muss die Erinnerung an die Ermordung psychisch Kranker und an die Opfer von Zwangssterilisierungen wachgehalten werden. Ich denke darüber nach, wie und wo wir sogenannte „Stolpersteine“ für ermordete psychische Kranke auch in Neukölln pflastern können. Ob da die Stiftung mitmacht?

 

Und die Bürgerstiftung Neukölln?

 

von Peter: Die Stiftung soll uns helfen, den öffentlichen Raum zu nutzen für Entstigmatisierung und Aufklärungsarbeit - Tetralog ist in der Tat unser Interesse. Wirklich kulturübergreifend wollen alle Patienten und alle ihre Angehörigen dieses eine: dass der Erkrankte im Krankenhaus die beste Behandlung bekommt. Die Patientenversorgung menschenwürdig und auf höchstem medizinischem Niveau zu halten, ist Aufgabe sowohl jeder Klinik als auch der Öffentlichkeit. Deshalb hat die Zivilgesellschaft gerade in diesen Jahren sehr genau hinzusehen, damit die Voraussetzungen für qualitative und gerechte Versorgung nicht vernichtet werden.

 

Brockhaus: Ein kleines Beispiel: Wir bieten seit Anfang der 90er Jahre eine Mutter-Kind-Behandlung an. Wir haben pro Jahr 60 Anfragen, aber nur 16 Behandlungen sind möglich, weil die Mittel und teilweise auch die Räumlichkeiten fehlen. Als Kooperationsideen fallen mir ein: Vielleicht können wir gemeinsam eine Ausstellung von ergotherapeutischen Arbeiten mit Rahmenprogramm machen? Oder: Am 6. Juni haben wir den „Tag der Psychiatrie“, dieses Jahr mit dem Thema Migration. Könnte sich da die Stiftung beteiligen?

 

KA: Ich sehe eine glückliche Konstellation: Die Bürgerstiftung wird dieses Jahr mit ihrem Bürgerpreis besondere Neuköllner Leistungen im Bereich „Gesundheit“ auszeichnen. Dieses Thema wird also ein Zentralpunkt des Stiftungsinteresses sein. Gleichzeitig wird das Klinikum 100 Jahre alt …

 

Munk: … im Oktober wird gefeiert …

 

KA: … eigentlich eine Supergelegenheit, dass dann das Klinikum insgesamt Zustifter wird!?

 

Munk: Wir sind jedenfalls die Vorreiter.

 

KA: Zum Schluss doch noch explizit das Selbstverständliche: Es ist ja nicht nur die Psychiatrie, die die Zivilgesellschaft braucht, vielmehr braucht die Zivilgesellschaft genauso dringend den Umgang mit der Psychiatrie. Nicht zuletzt, um unsere eigenen Ängste zu bearbeiten, sind wir auf Begegnung und auf Entdramatisierung angewiesen.

 

Munk: Ja. Viele Störungen haben bessere Prognosen heutzutage. Wir sehen, dass wir durch gute therapeutische Arbeit die Lebensqualität von Menschen verbessern. Viele Patienten werden gesund. Also: Die Angst nicht dominieren lassen. Sondern das Hoffnungsvolle selbst zur Kenntnis nehmen. Und anderen davon erzählen.

 


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