N+Stifter im Gespräch: Beate Hauke

30. Nov 2008 – 

Beate Hauke investiert zwei Drittel ihrer Arbeit im Schillerkiez. Als engagierte Hauseigentümerin will die N+Stifterin die Gegend verändern und dafür sorgen, dass das Wohnumfeld interessanter und sauberer wird. Sie ist die treibende Kraft des Vereins „Pro Schillerkiez e.V.“ und eines Markts der Vielfalt, der im Mai 2009 starten soll. Dr. Kurt Anschütz sprach mit Beate Hauke.

 

 

Kurt Anschütz: Als andere sich davon machten, kamst Du mit Deinen Eltern hier an.

 

Beate Hauke: Ja, so war das. Im August 1961 sind wir von Kiel nach West-Berlin übergesiedelt. Während die Mauer hochgezogen wurde, unterschrieben meine Eltern den Kaufvertrag für einen Tante-Emma-Laden im Wedding, genau am 12. August. Der Laden war nur wenige Quadratmeter groß, aber er war eine kleine Goldgrube. Ich war damals knapp neun Jahre alt. An diese ersten Tage in Berlin erinnere ich mich gut. Alle halbe Stunde gab es neue Radionachrichten zur Lage. In Trauben versammelten sich die Menschen um den Wagen meines Onkels, er hatte nämlich bereits ein Autoradio. Alle wollten hören, wie es weitergeht. Viele sprachen von Krieg. Das war schon angsteinflößend. Gleichzeitig aber freute ich mich auf die große Stadt. Denn ich war ja schon mehrmals hier bei meinen Verwandten zu Besuch gewesen. Ich hatte bereits Freunde.

 

Kurt Anschütz: Großgeworden an der Mauer …

 

Beate Hauke: …viel dichter ran ging es nun wirklich nicht. Ich besuchte die 21. Grundschule, die später in Rudolf-Wissell-Grundschule umbenannt wurde. Sie lag gleich an der Grenze. Nach dem Mauerbau wurde unser Unterricht oft durch Lautsprecherbeschallung gestört. Auf dem Dach der Schule hat man später ein Nachrichtenband angebracht, damit die Leute im Ostteil die West-Nachrichten lesen konnten.

 

Kurt Anschütz: Frontstadt. Aber Du wolltest nicht weg?

 

Beate Hauke: Nein. Ich war ja froh, dass ich hier war. Unternehmungslustig war ich schon immer gewesen, da war ich hier richtig. Ich habe dann auch in West-Berlin meine Berufsausbildung als Industriekaufmann gemacht. Der Beruf interessierte mich, denn als Kind und als Jugendliche hatte ich schon immer in unserem Laden geholfen.

 

Kurt Anschütz: Neun Jahre Kiel, zehn Jahre Wedding: Dann zogt Ihr nach Neukölln.

 

Beate Hauke: Meine Eltern kauften 1968 ein Mietshaus im Schillerkiez, in der Okerstraße, 1971 sind wir hierher gezogen. Eigentlich wollte mein Vater, der vom Baufach war, das Haus selbst sanieren. Er bekam 1973 einen Herzinfarkt und starb 1975. Ich arbeitete inzwischen beim Fernmeldeamt und habe 1977 die Beamtenprüfung abgelegt. Das Haus wurde von meiner Mutter weiterhin selbst verwaltet. Ab 1993 half ich ihr, 1995 hat sie es mir übertragen.

 

Kurt Anschütz: Du wurdest aus der Bahn geworfen – und hast noch einmal neu angefangen.

 

Beate Hauke: Ein Fahrradunfall im August 1995. Er hätte mich fast das Leben gekostet. Aber ich habe überlebt. Ich sollte wohl noch nicht gehen. Und bald hatte ich den Eindruck: Auf der Erde habe ich noch etwas zu erledigen, es gibt hier noch einen Auftrag. Nach meinem Unfall benötigte ich die Unterstützung der Familie. Langsam übernahm ich die Aufgaben wieder selbst; ich betrachtete diese Arbeit als meine Therapie, an der ich wieder wachsen konnte. Inzwischen investiere ich zwei Drittel meiner Arbeit im Schillerkiez.

 

Kurt Anschütz: Viel hast Du hier erreicht.

 

Beate Hauke: Wer an sich selbst glaubt und von den Aufgaben, die vor ihm liegen, überzeugt ist, und dabei auch akzeptiert, dass es noch etwas anderes gibt, das die Fäden dieser Welt in der Hand hält und unsichtbar leitet, der findet die notwendige Kraft, die Dinge zu bewegen. Als Kind hatte ich immer viele Ideen - und das Glück, dass die anderen dann mitgemacht haben. Das zieht sich durch mein Leben. Was meine Stadtteilarbeit anlangt, so ging sie im Grunde von meinem Mietshaus aus. Ich kann mein Haus nicht auf Rollschuhe stellen, um es in eine andere Gegend zu schieben, ich will es auch nicht verkaufen. Aber ich kann die Gegend verändern und dafür sorgen, dass das Wohnumfeld interessanter und sauberer wird. Dafür bin ich angetreten.

 

Kurt Anschütz: Der Kern des Ganzen: Wohneigentum verpflichtet.

 

Beate Hauke: Eigentlich schon. In meinem Mietshaus mit 32 Wohneinheiten wohnten 1995 etwa 50 Menschen. Wir hatten eine sozial ziemlich schwierige Situation. Die Hälfte der Mieter legte auf ein gutes Zusammenleben leider gar keinen Wert, sie gingen weder mit den Wohnungen noch mit dem übrigen Haus sorgfältig um. Ich hatte mancherlei Konflikte zu bestehen, zweimal konnte ich meine Haut so eben noch retten. Vor gut sieben Jahren führte ich mit der Sanierung eines Gebäudetraktes den größten Umbau durch: Einbau von Duschbädern, Innentoiletten, Heizungen, auch Grundrissänderungen. Monatelang lebte ich selbst auf der Baustelle. Heute sind nur noch vier Wohnungen unsaniert, weil die alteingesessenen Mieter daran kein Interesse haben. Diese großen Investitionen konnte ich nur vornehmen, weil ich seit 1995 den gesamten Mietzins ins Haus stecke und für meine Verwaltungsarbeit keinerlei Entgelt herausgezogen habe. Ich wollte ein Haus, in dem man sich wohl fühlt. Heute habe ich eine sozialverträglich gemischte Vermietung. Und darauf achte ich. Ich verwalte nicht aus der Ferne, sondern bin vor Ort und kümmere mich.

 

Kurt Anschütz: Du hast strategisch gearbeitet: Vom Haus ins Weite.

 

Beate Hauke: Mein Mann sagte: „Was nützt Dir Dein toll ausgestattetes Haus, wenn Deine Nachbarn im Kiez nichts machen?“ Vom„Vor-Ort-Büro“ wurden zunächst sechs Vermieter angesprochen, dabei entwickelten wir die Idee, weitere Vermieter für eine gemeinsame Arbeit zu gewinnen. Auf mein erstes Schreiben kamen 37 Interessierte, es war richtig voll. Wir haben ja mehr als 400 Häuser im Schillerkiez, also in dem Gebiet zwischen Flughafenstraße, Hermannstraße, Siegfriedstraße und Okerstraße; wir sind das größte zusammenhängende Altbau-Strukturgebiet in Berlin. Die meisten blieben dann aber wieder weg, weil sie keine fertigen Lösungen erhielten. Und wenn neue dazu kamen, glaubten sie, einen vollen Saal anzutreffen. Sie fanden jedoch nur fünf oder sechs wirklich Engagierte und blieben deshalb auch wieder weg. Ich erinnere mich, wie wir bei dem ersten Kiezfest in der Schillerpromenade als Vermietergruppe teilnahmen. Wir traten auf mit dem Schild: „Hauseigentümer des Quartiers Schillerpromenade präsentieren sich“ und knüpften die ersten Kontakte zu den Mietern. Seitdem sind wir bei jedem Kiezfest dabei. Teilweise haben wir die Feste mit organisiert. Und immer, wenn es nicht weiterging, habe ich mich umso mehr bemüht. Schwierig ist auch, dass das Privateigentum zurückgeht, in den letzten Jahren sind viele Wohneinheiten an große Immobilienunternehmen verkauft worden, es kam zu häufigen Wechseln. Inzwischen kann ich bei gut 60% der Häuser einen Ansprechpartner erreichen. Klar, wenn es eine größere Zusammenarbeit gäbe, dann könnte man mehr bewegen.

 

Kurt Anschütz: Ergebnis war, dass Du 2006 den Verein „Pro Schillerkiez e.V.“ gründen konntest.

 

Beate Hauke: Mehrmals wollten wir den Verein gründen. Zu den Gründungssitzungen kamen aber statt der notwendigen sieben immer nur vier Personen. Darum blieben wir eine Initiative. Am Anfang waren wir nur für die Haus- und Wohnungseigentümer da, langsam gesellten sich auch Mieter dazu. So entstand der Gedanke, einen Verein für alle zu gründen, die im Kiez leben, arbeiten oder Eigentum haben. Unter den zwölf Gründungsmitgliedern sind Mieter, Hauswarte, Haus- und Wohnungseigentümer, ein Architekt. Ich bin die 1. Vorsitzende. Sinn und Zweck haben wir so formuliert: „Wir möchten den aktiven, an der Quartiersentwicklung interessierten oder im Quartier tätigen Menschen eine Plattform bieten, gemeinsam zu handeln. Leitziele: Aufwertung und Pflege des Wohnumfeldes, mehr Sauberkeit im öffentlichen Raum und ein besseres nachbarschaftliches Miteinander. Wir suchen die Zusammenarbeit mit Politik, Wirtschaft, Verwaltung sowie Vereinen/Initiativen, die sich für den Kiez einsetzen.“

 

Kurt Anschütz: Du bist sehr kreativ und erfolgreich im Vernetzen, wir haben das in der Bürgerstiftung freudig erlebt. Denn Dir verdanken wir sechs weitere Stifter aus der Gruppe der Hauseigentümer im Schillerkiez – bis hinunter nach Stuttgart und hinauf nach Bremen. Und aus der Umgegend von Hannover rief damals einer an: „Darf ich auch mitstiften?“ Alle wollten sie durch die Bürgerstiftung auch etwas für den Kiez tun, und Du hattest sie überzeugt.

 

Beate Hauke: Ich hatte die Vermieter angeschrieben und das Vorhaben erklärt. Ich selbst war ja auch überzeugt von der Stiftungsidee. In der Gründungsphase gab es eine richtige Aufbruchsstimmung unter den Gründern: „Wir legen los! Wir bauen gemeinsam etwas auf, wodurch wir in Neukölln etwas ändern können.“ Diese Stimmung fand ich besonders toll. Alle, die ich traf, waren Menschen mit Interesse für Neukölln. Eine richtig gute Geschichte!

 

Kurt Anschütz: Das klingt nostalgisch?

 

Beate Hauke: Ja, diese Aufbruchsstimmung vermisse ich jetzt eher, der normale Alltag nimmt etwas von dieser besonderen Stimmung. Aber klar: Die Bürgerstiftung ist ein Hebel für Neukölln. Sie macht Projekte, die den Bezirk voranbringen, zum Beispiel das Mentorenprojekt und jetzt das Talente-Projekt. Sie schüttet Geld aus für Neuköllner Initiativen. Sie schafft Verbindungen, und sie bringt zusätzliche Gelder nach Neukölln. Sie ist jetzt fest etabliert, und sie hat Potenzial. Ich selbst konnte mich nie voll einsetzen, denn ich wollte vor allem im Schillerkiez etwas erreichen. Und dadurch bin ich ausgelastet.

 

Kurt Anschütz: Seit neun Monaten bist Du nun an etwas ganz Großem dran. Du willst einen Wochenmarkt hier etablieren, der zugleich auch die Bewohner aktivieren soll: Von allen für alle.

 

Beate Hauke: Bereits von 1910 bis 1990 hatte es in der Schillerpromenade einen Wochenmarkt gegeben – mit bis zu 250 Händlern, die gute Waren anboten. Am Ende gab es fast nur noch Ramsch! Aber nun wollen wir mehr: Nicht nur einen Markt zum Warenverkauf, sondern gleichzeitig auch einen Markt, auf dem sich die Menschen präsentieren und voneinander lernen können. Mit dieser Grundidee sind wir bei dem diesjährigen Wettbewerb von „Mittendrin Berlin! Die Zentren-Initiative“ ins Rennen gegangen. Auslober sind die Industrie- und Handelskammer und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Unser Verein Schillerkiez e.V. ist der Antragsteller, die Kooperationspartner sind die Genezareth-Gemeinde, das Schillerpalais, die Schilleria und das Quartiersmanagement in der Schillerpromenade. Unterstützung kam auch aus dem Bezirksamt. Die erste Hürde im Auswahlverfahren haben wir bereits genommen; wir gehören nun zu den zehn Nominierten. Vermutlich werden drei bis vier ausgewählt, 100.000 Euro stehen insgesamt zur Verteilung. Im besten Fall können wir 40.000 Euro bekommen. Im Dezember fällt die Entscheidung. Ich habe ein gutes Gefühl.

 

Kurt Anschütz: Das glaube ich gerne, denn das Projekt hat Kraft. 43 Vereine, Initiativen und ethnische Gruppen beteiligen sich, und mehr als 9.000 Euro Eigenmittel habt Ihr zusammen gebracht. Soviel Erfolg beruht ja nicht allein auf der Hartnäckigkeit von Einzelnen, sondern vor allem auch auf der Anziehungskraft der Vision.

 

Beate Hauke: Ja, am Anfang stand die Vision. In der Bürgerstiftung sagen wir doch immer: „Der besondere Reichtum von Neukölln sind die 160 Nationen.“ Mit dieser Idee habe ich geworben und Zustimmung im Verein gefunden; und rasch konnten wir dann immer weitere Kreise ziehen. Irgendwie schien es mir so, als wenn viele gerade auf diese Idee gewartet hätten!

 

Kurt Anschütz: Ein Neuköllner Marktplatz der Nationen und Kulturen!

 

Beate Hauke: Was wir konkret vorhaben: Natürlich wird es an jedem Samstag Warenstände mit gutem Obst und Gemüse und hochwertigen Lebensmitteln geben, für jeden Geldbeutel etwas Erschwingliches. Zugleich werden aber immer auch Stände für Initiativen, für Vereine und für Künstler da sein – sie können für ihre Anliegen werben und ihre Produkte und Produktionen verkaufen. Und an jedem ersten Samstag im Monat werden jeweils zwei Kulturen im Mittelpunkt stehen und sich am Herrfurthplatz präsentieren, dafür stehen auch die großen Räumlichkeiten unserer vier Partner zur Verfügung. Das Konzept hat deshalb so viele Hoffnungen und so viele Menschen mobilisiert, weil alle verstehen: Wenn wir hier an einem Strang ziehen, dann fördern wir das nachbarschaftliche Zusammenwachsen. Wir zeigen Stärke durch unsere kulturelle Vielfalt, und so bringen wir unseren Kiez voran. Und außerdem werden wir Menschen und Kaufkraft auch aus anderen Stadtteilen und von Touristen hierher ziehen. Wenn wir den Zuschlag bekommen, dann können wir das Projekt anschieben. Für den 16. Mai haben wir die große Auftaktveranstaltung vorgesehen, am 23.5. wird der erste Markttag sein, am 6. Juni die erste Kulturveranstaltung.

 

Kurt Anschütz: Vorhin hast Du gesagt: „Wenn es eine größere Zusammenarbeit gäbe, dann könnte man mehr bewegen.“ Aber seid Ihr im Schillerkiez nicht mittlerweile auf einem ganz guten Weg?

 

Beate Hauke: Wenn ich zurückblicke: 1995 war es im Kiez nicht gut, und danach wurde es noch schlechter. Aber ich denke, jetzt haben wir die Talsohle durchwandert. Einiges verschlechtert sich auch heute noch, aber daneben geht es an anderen Stellen wieder langsam voran. Es gibt immer mehr Vermieter, die sich, wenn es nötig ist, beteiligen, auch mit Geld. Es finden sich Bewohner, die etwas bewegen möchten. Die Mischung Vermieter und Mieter greift immer stärker. Ein gegenseitiges Unterstützen hat begonnen. Beispiele: Das „praesenzwerk“ will einen Basar zugunsten der Arbeit von Pro Schillerkiez e.V. veranstalten. Eine private Vermieterin beteiligte sich am Wettbewerb mit 1.000 Euro. Und was besonders wichtig ist: Die Menschen sind unterwegs zueinander, sie interessieren sich mehr denn je füreinander. Ein Beleg: Ich habe mit der Organisierung eines ganz schlichten Email-Veranstaltungskalenders begonnen, inzwischen habe ich 2000 Emailkontakte! Die Leute wollen wissen, was los ist, und viele machen dabei Aha-Erlebnisse: „Ich habe ja gar nicht gewusst, was hier so alles läuft!“ Darum möchte ich ein richtiges Internet-Portal aufbauen, das ist mein nächstes Ziel. Und klar: Wenn wir unseren Markt durchbringen, dann gibt es hier einen zusätzlichen Schub.

 

Kurt Anschütz: Vom Kern zum Herz.

 

Beate Hauke: Mit 19 Jahren bin ich in den Schillerkiez gekommen. Mein Geburtshaus in Kiel wurde abgerissen. Das Haus meines Großvaters dient nur noch als Lagerhalle. Das Haus im Wedding wurde stark verändert, die Gegend ist als ein „Zuhause“ nicht wiederzuerkennen. Als einzige räumliche Vergangenheit von meinen Eltern und mir bleibt das Haus in der Okerstraße. Es ist für mich ein Stück Heimat. Das möchte ich mir nicht auch noch nehmen lassen.

 

Kurt Anschütz: Wie gut für Neukölln! Danke!

 


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