Lutz Müller-Froelich

L. Müller-Frölich, U. Eickers, B. Thieß, K. Bloch-Thieß, U. Theune, G. Restel

Trödelteam am 27. Juli 2008

01. Aug 2008 – 

 

 

2. Aug. 2008 – (ka) Der Trödelmarkt ist eine tragende Säule der Bürgerstiftung Neukölln. Sonntag für Sonntag engagieren sich die N+Trödler auf dem Richardplatz. Die Einnahmen kommen dem N+Förderfonds zugute, mit dem die Bürgerstiftung Neuköllner Projekte unterstützt – bis jetzt schon über 20 an der Zahl. Es geht allerdings nicht allein um Geld. Sondern es geht vor allem auch um Kommunikation. Und schließlich um Verbindlichkeit. Kurt Anschütz befragte Lutz Müller-Froelich, der für den Trödelmarkt verantwortlich ist. Lesen Sie das Interview hier.

 

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Interview mit Lutz Müller-Froelich

 

Anschütz: Sprechen wir zuerst vom Geld! Der sonntägliche N+Trödelmarkt im Handwerkerhof der Villa Rixdorf (www.villa-rixdorf.com) ist inzwischen zu einer verlässlichen Einnahmequelle für die Arbeit der Bürgerstiftung geworden: 468 Euro habt Ihr allein im Juli erwirtschaftet.

 

Müller-Froelich: Ja, und im Juni waren es sogar 1.131 Euro, denn da hatten wir noch zusätzlich unseren Verkaufsstand beim Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“.

 

Im Frühjahr hast Du die Verantwortung für den N+Trödelmarkt übernommen, was liegt Dir am Herzen?

 

Ich kümmere mich ja nicht alleine, wir sind inzwischen ein ganz stabiler Kreis. Knapp ein Dutzend Stifterinnen und Stifter stellen sich abwechselnd sonntags hin, und an den beiden Wochenenden des „Rixdorfer Weihnachtsmarktes“ und der „48 Stunden Neukölln“ sind wir sogar doppelt so viele. Verantwortlich sind also wir alle. Ich koordiniere die Arbeit und bin unter der Woche ansprechbar, wenn Trödelware abgegeben wird. Und unsere große Remise muss ja auch in Ordnung gehalten werden; besonders zeitaufwändig ist dabei das Einordnen der Neuzugänge, das Sortieren der Bücherbestände und das schöne Präsentieren all der anderen Dinge, die uns zum Verkaufen gespendet worden sind. Ich finde, das ist eine Frage der Wertschätzung gegenüber den Gebern. Aber auch gegenüber den Kunden – denn die suchen ja meist ganz gezielt. Ich bin Ingenieur, klare Strukturen sind mir wichtig. „Ach, so ein schöner Flohmarkt!“, sagen die Besucher; sie freuen sich, weil sie den Eindruck haben: Wir werden hier tatsächlich erwartet und finden auch ein offenes Ohr.

 

Damit sind wir vielleicht schon beim Zentralen ...

 

Ja, unser Zentrales ist: Wir suchen Menschen. Das Geld ist uns sehr wichtig, denn damit lassen sich Projekte finanzieren, aber noch viel wichtiger sind uns die Menschen. Da kommen jedes Mal alte Bekannte, aber Sonntag um Sonntag kommen auch ganz Unbekannte – wir möchten mit ihnen reden, wir wollen um sie werben.

 

N+Marketing am Sonntag! Erzähl’ doch mal ...

 

Zum einen kommen Touristen - aus anderen Berliner Bezirken, aus der Bundesrepublik oder aus der übrigen Welt. Sie haben vom Böhmischen Dorf gehört, flanieren nun durch die alten Straßen, entdecken uns, sind überrascht vom Ambiente auf dem ehemaligen Handwerkerhof mit dem schönen Biergarten des Restaurants Villa Rixdorf. Sie wollen oft viel wissen: über das „Dorf“ und natürlich auch über Neukölln – „Wir hören viel Negatives, ist das denn wirklich so schlimm hier?“ Es kommen auch Alteingesessene, und manche lächeln müde. Sie beklagen sich über die Verhältnisse und sind resigniert – „es hat ja doch keinen Zweck!“ Und es kommen junge Leute um die 25-30 Jahre, oft Studenten und oft Pärchen, nicht selten mit einem Kleinkind. Sie sind entweder in der letzten Zeit zugezogen oder überlegen, hierher zu ziehen – „das ist doch alternativ und international hier, nicht so gestylt, und die Mieten sind erschwinglich!“ Sie sind bildungsinteressiert, wir merken das bereits an den Büchern, die sie kaufen. Mit vielen dieser Besucher kommt es zu langen Gesprächen, erste Beziehungen bauen sich auf. Danach geht man locker auseinander – „kommt doch einfach mal wieder vorbei!“

 

„Trödel“ als Doppeltausch: Ihr tauscht also nicht allein Ware gegen Geld, sondern zugleich tauscht Ihr auch Lebensanschauungen und Praxiserfahrungen.

 

Ja, das ist das eigentlich Spannende. Wir erzählen den Menschen über unsere Stiftungsarbeit, sie hören sich alles an, sind erstaunt, dass wir schon so viele Stifter sind und dass wir auch mit dem Stiftungskapital vorankommen. „Ausgerechnet hier!“, sagen sie dann oft. Wenn man selbst ungeduldig ist und gerne hätte, dass die Stiftung schneller wächst, tut eine solche positive Außensicht einfach gut. Und dann erzählen sie - eben waren sie ja noch Fremde - von sich selbst; von dem, was sie beruflich machen, welche gesellschaftlichen Vorstellungen sie haben, was sie frustriert und was sie dagegen tun. Es ist erstaunlich, wie viele sich in ihrer Freizeit, ob nun in Neukölln, in Hannover oder Bochum, bürgerschaftlich engagieren. Da wird der Trödelmarkt dann zum Ort der Ideen. Ich erlebe dies immer als eine Art Brainstorming mit vielen Inspirationen: „Könnt Ihr nicht das und jenes auch noch machen?“, fragen sie. Wir antworten dann oft: „Ja, das würde gut zu uns passen. Dazu brauchen wir aber noch Menschen. Wollt Ihr nicht mitmachen?!“

 

Genau dies haben wir vor vier Jahren ja auch zu Dir und zu Jutta gesagt, als Ihr an unserem Trödelstand vorbei gekommen seid! Und dann mussten wir warten. Wie die nordamerikanischen Bürgerstiftungen es so schön sagen: „Wir säen die gute Saat“. Und unsere Erfahrung ist: Oft geht sie auch in Neukölln auf. Der sonntägliche Austausch bekommt eine Verbindlichkeit ...

 

Ja, wie bei uns Beiden, denn wir sind dann ja auch wiedergekommen, sind zunächst Zeitstifter und dann auch Kapitalstifter geworden. Die Verbindlichkeit hat meist Stufen. Oftmals läuft es so: Diejenigen, mit denen wir ins Gespräch kommen konnten, bringen uns Dinge für den Trödelverkauf. Sie finden es gut, dass wir aus dem, was sie nicht mehr benötigen, Geld für Neuköllner Projekte machen. Häufig verfolgen sie unsere Arbeit über unsere Website weiter. Manchmal machen sie auch bei einem Projekt mit, etwa bei unserer Mentorenarbeit oder bei dem Kalenderwettbewerb. Und bisweilen kommt es zu einer noch stärkeren Verbindlichkeit: Sie werden Zeitstifter oder Kapitalstifter. Dieser Annäherungs- und Bindungsprozess kann Jahre dauern – neben uns als Bürgerstiftung gibt es ja so viele sinnvolle Möglichkeiten, wo man sich in Neukölln mit Zeit und mit Geld engagieren kann! Da muss erst Vertrauen wachsen. Für viele ist dann einfach auch unser Modell der Stiftung überzeugend: Schon jetzt arbeiten wir ganz konkret, aber gleichzeitig erschöpfen wir uns nicht darin, sondern schaffen Kapital für kommende Generationen.

 

Nun doch noch ein Wort zu Dir! Sonntag für Sonntag und auch noch unter der Woche: Was treibt Dich zu Deinem Engagement?

 

Mir geht’s so, wie den anderen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in unserer Stiftung: Wir wollen das bessere Miteinander der in Neukölln lebenden Bewohner aus so vielen verschiedenen Kulturen und Nationen fördern, dem Abdriften ganzer Bevölkerungsgruppen in eine Parallelgesellschaft Einhalt gebieten. Bei mir kommt die persönliche Geschichte dazu: Ich selbst bin, wenn Du so willst, ein ausländischer Nachfahre. Meine Ureltern waren böhmische Glaubensflüchtlinge. Sie konnten hier Wurzeln schlagen - und genau das wollen wir ja mit unserer multiethnischen Stiftung: Fremde sollen sich hier eine Heimat bauen können. Für mein Bewusstsein ist außerdem zentral, dass das Böhmische Dorf durch Spenden wieder aufgebaut werden konnte, nachdem es 1849 größtenteils abgebrannt war. Auch mein Elternhaus entstand dank solcher Hilfe wieder. Ich will einfach etwas zurückgeben. Neukölln lebt von Toleranz und Solidarität. Unsere Bürgerstiftung ist junger Teil dieser langen Geschichte.

 

Lutz, hab’ Dank für alles.


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