Knut Bergmann

Dr. Knut Bergmann

21. Mär 2009 (By: ka) – 

Vor kurzem hat Dr. Knut Bergmann die Bürgerstiftung Neukölln durch seine Zustiftung verstärkt. Was bewog ihn dazu, N+Stifter zu werden? Worin liegt die Kraft der "Bürgerstiftungsfamilie"? Und wie kann dem Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegengewirkt, wie der Zusammenhalt gestärkt werden? Über diese Fragen sprach Dr. Kurt Anschütz mit Dr. Knut Bergmann. Lesen Sie das Interview hier:

 

Kurt Anschütz: Herr Bergmann, Ihre berufliche Arbeit geht auf das, was Vielen als das „große Ganze“ gilt: Sie sind Politikwissenschaftler und haben mit einer weithin beachteten Arbeit über den Bundestagswahlkampf 1998 promoviert. Sie waren danach Persönlicher Referent der Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen. Und heute arbeiten Sie im Bundespräsidialamt. Danke, dass Sie sich zugleich auch für das kleine Konkrete engagieren und Zustifter geworden sind!

 

Knut Bergmann: Vorweg – die Unterscheidung zwischen „großem Ganzen“ und „kleinem Konkreten“ würde ich nicht machen; die stammt von Ihnen, lieber Herr Anschütz, …

 

KA: … Selbstabwertung lag mir fern, ich dachte an Rainer Fassbinder …

 

KB: … aber um Ihre Begriffe aufzunehmen: Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass vieles „Kleine“ zusammen mehr als nur ein „Großes“ ergibt; dass also gemeinschaftliche Aktivitäten mehr hervorbringen, als nur die Summe der jeweiligen Einzelbeiträge. Bürgerstiftungen sind oft eine Art institutioneller Beleg für diese These. Inzwischen können wir ja erfreulicherweise von einer regelrechten „Bürgerstiftungsfamilie“ sprechen, Und zum Konkreten: Für mich lag es nahe, hier Stifter zu werden, da ich lange Neukölln gegenüber, in Kreuzberg, gewohnt habe. Ich finde, dass die in der Stiftung Engagierten wirklich gute Arbeit machen und ein Beispiel geben, wie Bürgerstiftungen auch in sozial schwierigem Umfeld wirken können.

 

KA: 13.000 Menschen in Deutschland sind ähnlich überzeugt vom Konzept der Bürgerstiftung. Was ist für Sie das Bestechende?

 

Geringe Beiträge – große Wirkung

 

KB: Grundsätzlich: Demokratie lebt vom Mitmachen. Es ist unser aller Aufgabe, sich an der Gestaltung unseres Gemeinwesens zu beteiligen, denn es ist schließlich unser Land, unsere Umgebung, unser Kiez. Bürgerstiftungen erlauben jedem, etwas zu tun – und was mir besonders gut gefällt: Sie widerlegen die viel zu oft vertretene Meinung, dass man ja mit kleinen Beiträgen sowieso nichts bewirken könne und es daher auch gleich bleiben lassen könne. Hier kann sich jeder einbringen, mit Zeit, mit Ideen oder eben mit Geld, wobei in der Summe auch geringe Beträge große Wirkung entfalten können.

 

KA: Die Bürgerstiftungsbewegung ist hierzulande noch recht jung, etwas mehr als zehn Jahre alt. In Untersuchungen wird ihre Bedeutung für unsere demokratische Kultur herausgestellt und der Beitrag gewürdigt, den viele dieser Stiftungen zur Integration leisten. Wir Neuköllner fühlen uns dadurch bestätigt, vor allem aber auch in die Pflicht genommen.

 

KB: Ich finde klasse, dass sich für „Neukölln Plus“ schon Menschen aus fast 20 verschiedenen Nationen engagiert haben. Das spricht doch sehr dafür, dass hier für viele Menschen vor der eigenen Haustür ein stimmiges Projekt entwickelt wurde, bzw. von ihnen selbst gestaltet wird. Gerade in den so genannten Problembezirken ist es nötig, dass die Einwohner – so schwer das oft ist – sich verantwortlich fühlen und tätig werden. Das schafft auch Gemeinsamkeit, die der Humus für vieles Weitere sein kann. Es ist für unsere Gesellschaft von existenzieller Bedeutung, alle hier lebenden Menschen zu integrieren. Das ist ein beidseitiger Prozess – mit gemeinsamen Rechten und Pflichten, die manchmal gern vergessen werden. Das beginnt etwa mit der Verpflichtung, sich für sein Gemeinwesen verantwortlich zu fühlen. Viele Zuwanderer haben keine Heimat; sie sind weder in ihrem Herkunftsland zu Hause noch bei uns. Und so stellt sich die Frage: Wie können sie hier bei uns so ankommen, dass sie mit Überzeugung sagen: „Das ist auch mein Land!“ Und das gilt nicht allein für Zuwanderer, sondern genauso auch für Menschen, die aus sozialen Gründen aus unserem Gemeinwesen heraus zu fallen drohen. Dabei gilt es vor allem auch die Kinder und Jugendliche in den Blick zu nehmen. Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien und Kinder aus gutbürgerlichem Hause haben heute kaum mehr gemeinsame Vorbilder oder einen gemeinschaftlichen Bezugsrahmen. Ich glaube, dass an dieser Stelle die Stiftung mit ihrem Mentorenprojekt und mit dem anlaufenden Talenteprojekt  viel Gutes bewirken kann.

 

KA: „Fördern und begleiten“, sagen wir. Und unser Mitstifter Thomas Lopatic hat im Stifter-Interview am Beispiel seiner eigenen Geschichte der dritten Generation gezeigt, wie lebenserweiternd dieses doppelte Angebot ist – und knallhart kalkuliert: welchen Gewinn die Gesellschaft aus dieser Investition zieht.

 

Es braucht mehr als das Elternhaus

 

KB: „It takes a village to rise a child“ lautet der Titel eines Buches von Hillary Clinton über die Erziehung von Kindern. Sie hat damit eine afrikanische Weisheit zu ihrer eigenen gemacht. Und tatsächlich braucht es meist mehr als das Elternhaus, damit sich Kinder gut entwickeln können. Das gilt umso mehr, wenn es sich um ein sozial schwieriges Umfeld handelt. Hier ist die Gemeinschaft gefragt, Verantwortung zu übernehmen – ein gutes Beispiel, wie sich mit wenig Aufwand viel bewirken lässt, sind die beiden genannten Projekte. Integration in einem umfassenden Sinne ist der entscheidende Schlüsselbegriff für eine gute Zukunft unserer Gesellschaft. Darunter können Sie alle Herausforderungen, vor denen wir stehen, subsumieren: Bildung, Arbeit, das Verhältnis von Jung und Alt oder eben auch die Integration derer, die nach Deutschland gekommen sind, um hier zu leben.

 

KA: Ja, in der Tat: Die Aufgabe zur Integration verdoppelt sich in diesen Jahren. Parallel zur Bemühung um die soziale sowie kulturelle Integration der Zugewanderten geht es immer mehr auch um die Verhinderung der Exklusion von Einheimischen, die durch ihre Lebenserfolge bislang gesellschaftlich gut integriert waren.

 

KB: Das ist wohl so – sehr lesenswert dazu das Buch des in Kassel lehrenden, bezeichnenderweise aber in Kreuzberg lebenden Soziologen Heinz Bude „Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft“. Nach der Lektüre sollte unseren Landsleuten von Starnberg bis Blankenese klar sein, dass es eine gemeinschaftliche Aufgabe ist, unser Gemeinwesen zu gestalten. Also: weniger auf die Bedürfnisse einer einzelnen Klientel schielen, sondern vielmehr darauf schauen, dass das Ganze stimmig ist; dass alle davon profitieren, wenn wir füreinander Verantwortung übernehmen. Wir sind gut beraten, Exklusion und Eskapismus weder nach unten noch nach oben hinzunehmen. Dazu kann nicht schaden, diejenigen, die sich entzogen haben, an ihre gemeinschaftliche Verpflichtung zu erinnern.

 

KA: Das Bewusstsein des Einzelnen, der sich als Teil der Gemeinschaft versteht, treibt das gesellschaftliche Sein voran?

 

KB: Wie soll’s denn anders gehen?

 

KA: Die Vision einer Integration Aller durch Alle braucht gesellschaftliche Orte und Vorreiter überall.

 

KB: Bürgerstiftungen können solch ein Ort sein; Plattform bürgerschaftlicher Kommunikation, von Engagement und Teilhabe. Und damit tut ja jeder auch etwas für sich selbst, denn er profitiert unmittelbar von den Investitionen, die er selbstbestimmt in das Gemeinwesen tätigt. Außerdem sind Menschen, die sich engagieren, glücklicher und leben länger – wissenschaftlich nachgewiesen. Was nicht wirklich überrascht, der Mensch lebt nun einmal in Gemeinschaft.

 

Glücklicher leben und länger …

 

KA: Zivilgesellschaftliches Engagement soll gewürdigt werden. Wir selbst vergeben den Bürgerpreis, und unsere Stiftungsversammlung zeichnet bewährte Zeitstifter durch Zuwahl aus. Zur demokratischen Kultur gehört gewiss auch die Entwicklung der Anerkennungskultur.

 

KB: Es ist gut, dass zunehmend mehr Menschen, gerade auch die, die in politischer Verantwortung stehen, den Wert des bürgerschaftlichen Engagements stärker entdecken – als Ressource, um unser Gemeinwesen zu gestalten. Gerade Bürgerstiftungen mit ihrer auf Dauerhaftigkeit und Kontinuität angelegten Arbeitsweise verdienen Zu- und Vertrauen. Es wäre schön, wenn möglichst viele Menschen den Wert erkennen würden und die gerade in den meist schwierigen Anfangsjahren finanzielle Unterstützung gewähren würden.

 

KA: Gerade von politischer Seite wird oft auf die Notwendigkeit von Anerkennung hingewiesen ...

 

KB: ... ja, aber da können wir auch alle selbst dran mitwirken, denn dieses häufig floskelhaft verwendete Wort „Anerkennungskultur“ beginnt schon damit, freundlich zu seinem Umfeld zu sein, „danke“ zu sagen oder auch nur meinem Nachbarn morgens einen guten Tag zu wünschen. Und wenn wir weiter denken, wäre es gut, wenn Engagement etwa auch bei der Vergabe von Ausbildungs- und Studienplätzen berücksichtigt würde oder von Arbeitgebern noch mehr wertgeschätzt würde.

 

KA: Aus Ihrem Blick auf das „große Ganze“ haben Sie in diesem Gespräch die Bürgerstiftungen als Orte der besonderen Nähe herausgestellt. Sagen Sie uns noch, warum Sie eingangs den Begriff der „Bürgerstiftungsfamilie“ gewählt haben?

 

KB: Ich finde, er verdichtet schön die Nähe, in der sich Bürgerstiftler zueinander befinden. Und ich vermute, dass das gerade auch in der nicht immer leichten Alltagsarbeit vor Ort wirklich ermutigen kann: zu wissen, dass es Viele sind. Bürgerstifter haben gemeinsame Ziele in all der Breite, die es in einer Familie geben kann: In Baden-Baden muss man einen anderen Blick auf die Stadt haben als in Neukölln, jeder gesteht das dem anderen gern zu. Die Stifter und Engagierten sind nicht auf ein Bekenntnis verpflichtet, sondern kommen zusammen aus ihrer jeweils eigenen, prägenden Welt. Und genauso steht hinter allen Bürgerstiftungen eine gemeinsame Idee. Das alles zusammengenommen schafft einen gemeinsamen Erfahrungsschatz und stiftet Gemeinschaft. Und die brauchen wir, wir alle.

 

KA: Danke für Ihr Angebot zu unserer Selbstverständigung!


Clearing
Clearing