Helga Schneider
Helga Schneider war die "Frau mit dem Koffer". Was es damit auf sich hat, wie sie der Bürgerstiftung Neukölln bereits in der Gründungsphase 2004 begegnete und was sie antreibt, sich nicht nur als N+Stifterin, sondern auch als Familienbegleiterin beim "Berliner Herz" zu engagieren: Lesen Sie dazu das Gespräch, das Dr. Kurt Anschütz mit Helga Schneider führte:
N+Stifterin im Gespräch: Helga Schneider
Kurt Anschütz: Unsere Stiftung ist reich an Ursprungsgeschichten. Die erste Begegnung mit Dir ist besonders schön. Du warst die Frau mit dem Koffer.
Helga Schneider: Ihr hattet einen Informationsstand am Richardplatz. Ich kam vorbei. Ihr wart ja noch ganz in den Anfängen, das war im Sommer 2004. Ihr hattet noch nicht wirklich etwas zuwege gebracht. Aber Ihr habt für Eure Ideen geworben. „Die wissen, was sie wollen“, dachte ich. Und den Einstieg habt Ihr mir dann ja auch leicht gemacht: Ihr habt Trödel verkauft, und ich hatte zu Hause einen ganz neuen Koffer, den ich eigentlich gar nicht brauchte.
Allerdings gab’s da noch ein wichtiges Detail: Du hattest versprochen, den Koffer beim „nächsten Mal“ vorbeizubringen. Das klang ziemlich verdächtig nach Sankt-Nimmerleins-Tag. Tatsächlich aber warst Du schon eine Stunde später wieder da. Da sagten wir dann untereinander: „Die Frau mit dem Koffer verliert keine Zeit.“ Und seit damals bist Du dabei, warum eigentlich?
Ja, eben deshalb: weil ich keine Zeit verlieren will. Ich finde einfach, dass die Bürgerstiftung notwendig und sinnvoll ist für unseren Bezirk, der in vielem so problematisch ist. Sie versucht gegenzusteuern, vor allem mit dem Talente-Projekt und mit dem Mentoren-Projekt. Da werden Menschen gesehen und gefördert, deren Bedingungen nicht ideal sind. Wir unterstützen und begleiten sie: die Kinder, die Schüler, die Familien. So kommen neue Möglichkeiten in ihr Leben.
Das soziale Netz dichter machen
Diese beiden Projekte sind unmittelbar plausibel: Kinder entdecken sich, Jugendliche lernen erfolgreicher und werden motivierter, und manche Familie öffnet sich gleich mit, weil sie durch die Patinnen und Paten Zuwendung von außen erfährt. Die Erfolge werden auch deshalb möglich, weil sich inzwischen aus ganz Berlin Menschen, Unternehmen und Organisationen in diesen Projekten engagieren.
Wir sind da auf dem richtigen Weg. Die Stiftung hat die Projekte entwickelt und ins Laufen gebracht. Sie muss dann aber auch andere mit uns ins Boot holen. Denn wir wollen das soziale Netz dichter machen, damit nicht mehr so viele durchfallen. Und das können wir nicht alleine.
Und der Staat?
Wer ist denn der Staat? Wir schreien immer nach dem Staat. Wir alle sind der Staat. Die Politik kann doch nicht an allen Ecken sein – wenn man allein daran denkt, wie viele Menschen heutzutage zu Hause von den Angehörigen gepflegt werden! Nein, man hat einfach eine persönliche Verantwortung für die Menschen, die im Umfeld leben.
„Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“, hast Du an anderer Stelle gesagt. Ist Dein erster Schritt das Engagement im Umfeld?
Ich sehe das so: Wir brauchen mehr menschliches Verständnis füreinander. Das beginnt, wenn ich auf die Fremden zugehe, sie kennen lerne. Und wenn ich dann gemeinsam mit ihnen etwas mache, was für sie selbst auch wirklich wichtig ist. Da kann dann Verständnis wachsen und vielleicht sogar auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich finde, wir haben nicht nur im Bezirk, sondern auch in der Stiftung noch immer eine viel zu schwache Beteiligung von Migranten. Das kommt, weil man sich nicht kennt. Wir leben einfach mit viel zu viel Vorbehalten. Der „erste Schritt“ führt heraus aus unseren Nischen: entgegengehen und entgegenkommen! Wer sich da engagiert, verliert keine Zeit, und darum bin ich auch sieben Jahre später noch immer in der Bürgerstiftung. Ich unterstütze nur das, worin ich mich wiederfinde.
Vom eigenen Sinn
Lass uns über Dein „Wiederfinden“ bitte ein wenig lebensgeschichtlich reden. Du bist mitten in die deutsche Vernichtungswut hineingeboren worden.
Ja, am Karfreitag 1939. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater an die Ostfront strafversetzt wurde. Bis 1949 war er verschollen, und nach seiner Rückkehr blieb er ein fremder Mann. Meine Mutter war gesundheitlich angeschlagen und konnte sich nicht um meinen Bruder und um mich kümmern. Da nahm uns unser Onkel auf, er war ein Bruder unseres Vaters. Er war katholischer Pfarrer in Morscheid im Hunsrück. Wir lebten zu sechst in seinem Pfarrhaus: mit der Oma, einer behinderten Tante und der Haushälterin. Und während mein Vater die Sowjetunion vernichten sollte, waren russische Kriegsgefangene bei uns im Ort. Sie haben Spielzeug für uns gebastelt. Das waren kleine Vögel, mit zwei Flügeln, aus Holz geschnitzt. Sie machten das so, als wäre es für ihre eigenen Kinder. Und den Onkel haben die Nazis ins Gefängnis gesteckt, wahrscheinlich haben sie ihn überhaupt nur wieder gehen lassen, weil wir versorgt werden mussten. Als dann die Amis kamen, hat er sich als Geisel angeboten für die Bevölkerung.
Sagst Du den Namen?
Friedrich Schneider. Und dann hat er sich nach Dattenberg bei Linz am Rhein versetzen lassen, damit wir eine gute Schulausbildung bekommen konnten. Dieser Pfarrer hat das Christentum nicht gepredigt, er hat es gelebt. So sind wir aufgewachsen, mein Bruder und ich.
Willst Du das Gute zurückgeben?
Wenn Du so willst: ja. Ich wollte unbedingt Kinderkrankenschwester werden. Später habe ich mich dann auch zur OP-Schwester ausbilden lassen. 1971 kam ich nach Berlin, und zwar an das Klinikum Steglitz, das modernste Krankenhaus, das es damals überhaupt in Deutschland gab. Zehn Jahre war ich dort. Weil ich wieder zu den Kindern zurück wollte, machte ich dann eine pädagogische Ausbildung, um an einer Kinderkrankenpflege-Schule zu unterrichten. Ich bekam eine Stelle in der Neuköllner Kinderklinik. In meinen 20 Jahren dort habe ich etwa 130 Kinderkrankenschwestern und Kinderkrankenpfleger ausgebildet. 2001 ging ich in Rente.
Eigentlich die Zeit für den Koffer?
Vielleicht hatte ich ihn mir deswegen ja auch gekauft. Aber ich hatte dann doch nicht den Wunsch, große Reisen zu machen. Ich hatte schon einiges von der Welt gesehen, und inzwischen habe ich im Spreewald einen Wohnwagen stehen. Stattdessen habe ich nochmals eine Ausbildung gemacht, und zwar zur Familienbegleiterin. Mit etwa achtzig anderen Ehrenamtlichen arbeite ich beim „Berliner Herz“. Das ist ein ambulantes Kinderhospiz. Kinder, die oft lebensbegrenzende Erkrankungen haben, betreuen wir zu Hause. Der Träger ist der Humanistische Verband Deutschlands.
Wie arbeitet Ihr?
Viele Familien sind bereit, ihre schwerstkranken Kinder zu Hause zu pflegen, aber sie brauchen Entlastung und Unterstützung durch Menschen, die hin- und nicht wegschauen. Oft ziehen sich Verwandte und Freunde zurück, sodass die Familien dann ziemlich isoliert sind. Nicht selten bleiben auch die Mütter allein mit den Kindern zurück. Durch unsere Unterstützung bekommen sie einige Stunden in der Woche Zeit für sich. Zum Beispiel kümmern wir uns um Geschwister, für die oft zu wenig Zeit bleibt. Da baut sich Vertrauen auf, so dass wir häufig zu wichtigen Gesprächspartnern werden – und natürlich zu Freundinnen und Freunden der Kinder, deren Leben mitunter nur noch kurz sein kann. Und jedes Mal wächst bei mir der Respekt vor diesen Menschen, die ihr Schicksal annehmen und Großartiges leisten. Manchmal erstreckt sich die Begleitung über Jahre. Inzwischen habe ich zwölf Familien begleitet. Ich denke oft: Das Schicksal - wer auch immer das sein mag - legt mir diese Menschen in den Weg. Und ich gehe nicht einfach vorbei.
Bist Du irgendwie religiös motiviert?
Ich gebe meiner Arbeit keinen religiösen Sinn. Wenn es ein Leben nach dem Tod geben sollte, dann würde ich mich hier in dieser Welt genauso verhalten, wie ich es jetzt tue, wo ich es mir nicht vorstellen kann. Ich lebe vielleicht nach christlichen Grundsätzen, aber ich mache mein Leben nicht zu einem christlichen Gedanken.
Du schaffst Deinen eigenen Sinn?
Ich weiß nicht, ob unser Leben einen Sinn von außen hat. Jedenfalls habe ich den Sinn nicht erkannt. Wir kommen auf die Welt mit nichts, und wir gehen mit nichts. Und zwischendurch streiten wir uns um Sachen, die wir nicht brauchen. Wir sind doch grauenvoll. Das kann doch kein Sinn sein. Vielleicht sind wir nur eine Laune der Natur. Da ich ungefragt in diese Welt gekommen bin, habe ich meinem Leben selber einen Sinn gegeben. Mein Sinn ist, dass ich andere unterstützen kann, denen es nicht so gut geht wie mir. Und das, was zurückkommt, sagt mir, dass das nicht so falsch sein kann.
"Den anderen hilft's, und mir tut's gut"
Was kommt zurück?
Ich bekomme viel Anerkennung und Wertschätzung.
Du tauschst...
Klar, es ist uns doch alles nur geliehen auf dieser Welt. Meine Hilfe für andere ist letztendlich etwas, wodurch es mir selbst gut geht. Den anderen hilft’s, und mir tut‘s gut.
… um Ausgleich zu schaffen?
Dass es mir gut geht, ist doch nicht mein Verdienst. Und andere Leute können nichts dazu, dass es ihnen oder ihren Angehörigen nicht so gut geht. Oder sie haben, wie so viele Menschen in Neukölln, ganz schwierige Lebensgeschichten. Das gleiche ich einfach ein wenig aus. Nicht mehr und nicht weniger.
Wir reden immer vom bürgerschaftlichem Engagement und vom Ehrenamt. Nach all dem, was Du gesagt hast, empfinde ich dies nun als ziemlich abgespaltenes Reden. Bei Dir ist das nichtbezahlte Engagement für die Bürgerstiftung Neukölln und für das Berliner Herz nicht ein Zusatz. Im Gegenteil geht’s darin ums Ganze: um das „Dich-Wiederfinden“ und um das Leben nach Deinem Sinn. Ist das in etwa so?
Ja, ich will bei mir zu Hause sein. Ich habe eine große Dankbarkeit. Ich empfinde eine große Demut vor dem gewaltigen Universum mit seinen vielen Geheimnissen und seinen wunderbaren Erscheinungen.
Danke für diesen Nachmittag!

