Helga Boehrer
Helga Boehrer, N+Gründungsstifterin, erhält am Freitag (20. Juni 2008) das "Band für Mut und Verständigung 2008". Diese Auszeichnung wird durch das "Bündnis der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit" vergeben. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck hält die Laudatio und überreicht die Urkunde. Geehrt wird Helga Boehrer für ihr "starkes Engagement gegen die Benachteiligung von Kindern aus Migrantenfamilien". Kurt Anschütz sprach mit der Preisträgerin.
Kurt Anschütz: Du bist eine der drei HauptpreisträgerInnen dieses Jahres. Unter vielen Vorgeschlagenen aus Berlin und Brandenburg wurdest Du ausgewählt. Freust Du Dich?
Boehrer: Die Auszeichnung kam völlig überraschend. Ja, ich freue mich sehr. Die interkulturelle Verständigung ist doch mein Lebensthema.
Willst Du das biographisch skizzieren?
Boehrer: Ganz kurz so: Ich bin in den Sechziger-Jahren im ländlichen Württemberger Idyll aufgewachsen. Dort sind mir Ausländer schon früh begegnet: zunächst ein Italiener, der als "Gastarbeiter" auf unserer Baustelle arbeitete, dann ein gleichaltriges Mädchen aus der Türkei. Die Zuneigung dieser beiden und der alltägliche Umgang mit ihnen haben mich schon ganz früh aufgeschlossen für "Fremde". In den Siebziger-Jahren nahm ich dann am Deutsch-Französischen Schüleraustausch teil; die Beziehungen zwischen beiden Völkern waren durch die deutschen Okkupationsgräuel ja noch immer sehr belastet. Ich habe damals erlebt, wie ich als junge Deutsche das Herz einer durch die Vergangenheit verhärmten alten Frau erwärmen konnte. Ich habe dann mehrere Sprachen gelernt, bin viel in fremde Länder gereist, vor allem auch in die Türkei, und habe oft auch mit den Einheimischen zusammengelebt. Deshalb war es für mich selbstverständlich, dass ich mich bei meinem Lehrerstudium in Baden-Württemberg vor allem für interkulturelle Pädagogik interessierte. Ich ging dann nach Neukölln ...
... wo Dir Dein "schwäbischer Migrationshintergrund" immer wieder bewusst gemacht wird.
Boehrer: Ja, wenn ich das so sage, dann meine ich das nicht nur witzig; vielmehr beschreibe ich meine Berliner Alltagserfahrung: ‚Ay, die spricht mit einem solchen Akzent, wer soll denn das sein!?’ Da erlebe ich durchaus ebenfalls Ausgrenzung und Vorurteile. Auch dies hilft zur Identifikation mit Migrantinnen und Migranten.
Du hast Dich bewusst um ein Lehramt im multikulturellen Neukölln beworben und arbeitest nun seit bald 20 Jahren als DaZ-Lehrerin, das heißt Du unterrichtest in Intensivklassen "Deutsch als Zweitsprache". Was geschieht da?
Boehrer: Ich unterrichte Kinder, die gerade aus dem Ausland nach Neukölln zugezogen sind. Sie bringen ihre jeweiligen Herkunftssprachen mit, sprechen aber noch kein Deutsch. Ich mache ganzheitlichen Unterricht – im Mittelpunkt steht die Lebenswelt der 8-11jährigen Kinder. Ich gehe nicht von deutschen literarischen Texten aus, sondern orientiere mich am Alltag. Thematisiert werden also vor allem Essen, Kleidung, Körper, Einkaufen, Krankheiten, Schule, traurige und frohe Erlebnisse der Kinder. Wir büffeln nicht Vokabeln, sondern wir sprechen, wir singen, wir spielen, wir lernen aktiv handelnd. Die Kinder sollen möglichst viel interagieren, rasch auch Verantwortung für Abläufe übernehmen. Die Jungen und Mädchen bringen durchweg eine positive Einstellung zum Lernen mit, und es erstaunt mich immer wieder, wie rasch sie in diesen 9 bis 15 Monaten lernen: nicht allein Sprechen und Schreiben, sondern auch gutes Sozialverhalten und Selbstbewusstsein. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, woran Kinder beim Lernen scheitern. Inzwischen weiß ich: Das Gehirn braucht ein Wohlgefühl, damit es lernen kann und bei der Sache bleibt. Entsprechend versuche ich, die Schule zu einem Wohlfühlfaktor im Kinderleben zu machen. Über das "Ganzheitliche" wäre natürlich im Einzelnen noch viel zu erzählen.
In der Begründung für die Auszeichnung wird hervorgehoben, dass Dein Engagement "weit über die berufliche Tätigkeit als Lehrerin hinausgeht".
Boehrer: Migration und Interkulturalität gehören zu meiner Welt, natürlich auch über den Beruf hinaus. Ich mache viele Hausbesuche, insbesondere auch bei Kindern mit hohen Potentialen, um den Eltern zu zeigen, wie viel wert uns ihr Kind ist. Da baut sich Vertrauen auf. Deshalb kann ich auch sehr direkt sein, wenn ich mit den Eltern spreche. Vor allem gegen Ende des DaZ-Lehrganges ist es oft ganz wichtig, dass ich mithelfe, die passende Klasse und Schule für das Kind zu finden. Da muss bisweilen viel Überzeugungsarbeit geleistet werden – bis hin dazu, dass die Investition in eine U-Bahn-Karte sinnvoll ist. Ein Großteil der Eltern unserer Schule lebt von Transferleistungen, da sitzt das Geld nicht locker. Im übrigen bekomme ich für meine Arbeit viel zurück; vor allem besuchen mich Kinder noch nach Jahren.
Wir in der Bürgerstiftung haben erlebt, wie Du Dich gemüht hast, bis die erste interkulturelle Schülerbegegnung zwischen Neukölln und unserer Württemberger Partnerstadt Leonberg stattfinden konnte. Du hast es dann nach zwei Jahren geschafft, so dass in den letzten Herbstferien 12 hiesige Migrantenjugendliche eine Woche lang mit schwäbischen Schülern in deren Familien leben konnten. Das Erlebnis war für alle Beteiligten so toll, dass inzwischen 10 der 12 Leonberger Jugendlichen nach Neukölln gekommen sind und bei "ihren" Migrantenfamilien gewohnt haben!
Boehrer: Es war tatsächlich ein langer Weg. Nachdem der Verein der Baden-Württemberger-in-Berlin und die Bürgerstiftung Neukölln das notwendige Geld zugesagt hatten, mussten die Eltern nicht nur in Leonberg, sondern vor allem auch in Neukölln gewonnen werden. Da war wieder einmal viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bis die Kinder die Erlaubnis bekamen, zu völlig unbekannten Familien in eine fremde Stadt zu reisen. Noch mühsamer war es, eine Neuköllner Trägerorganisation zu finden. Letztendlich waren zwei weitere schwäbische Lehrerinnen bei der Schülerwerbung behilflich. Mehrere türkische Vereine haben für das Projekt bei ihren Landsleuten gutgesagt - unter ihnen drei N+Stifter: das Türkisch-Deutsches Zentrum, Toyed e.V. und der Verein Türkischer Unternehmer und Handwerker. Die Begegnung wurde zu einem großartigen Erfolg, das alles haben wir in einer Broschüre festgehalten, die Bilder werden zur Zeit in einer Ausstellung gezeigt. Bei den Neuköllner Jugendlichen ist ein Mentalitätssprung passiert: "Ich kann zu wildfremden Menschen nach Hause, und mir passiert nichts, im Gegenteil, ich habe mir dort Freunde gemacht." Solch eine Erfahrung kann fürs Leben prägen, ich weiß das.
Zu Deinem ehrenamtlichen Engagement gehört Deine Arbeit in der Bürgerstiftung, Du hast sie ja mit ins Leben gerufen. Warum?
Boehrer: Ich war auf der Suche nach Mitstreitern, mit denen ich für Neuköllner Migrantenkinder etwas bewirken kann, und zwar über die Limits meiner Arbeitsstelle hinaus.
Hättest Du drei Wünsche frei – was hätte Priorität?
Boehrer: Erstens: am liebsten eine eigene Schule, in der Schüler und ganz besonders solche aus Migrantenfamilien "artgerechter" als in den üblichen Bildungseinrichtungen gefördert werden – sie sollen ernst genommen werden als heranwachsende Menschenkinder mit ihren je eigenen Lebensgeschichten. Kinder sind von Anfang an Subjekte – die ihren Lernprozess eigenständig steuern!
Zweitens: dass fortschrittliche pädagogische Aus- und Fortbildung nicht weiterhin so oft ins Leere laufen muss, weil die Arbeitsbedingungen in den Schulen unzureichend sind.
Und drittens: Selbst unter den besten Bedingungen könnte eine Schule nicht alles leisten. Deshalb muss sich die Zivilgesellschaft viel stärker um die Belange der Kinder kümmern. Vor allem Migrantenkinder brauchen Lernbegleiter im Alltag – das Mentorenprojekt der Bürgerstiftung ist da immerhin ein richtiger Anfang. Meine Erfahrung ist: Durch Begegnung mit Bindungspersonen können Kinder lernen und reifen. Und alle wissen wir: Von ihrer guten Entwicklung hängt unsere gemeinsame Zukunft ab.
Helga, danke für Deine Zeit. Und herzlichen Glückwunsch zu Deinen bisherigen Erfolgen!
Weitere Informationen über Helga Boehrers Engagement für de interkulturelle Schülerreise nach Leonberg finden Sie hier und hier.

