Fotoausstellung im Leuchtturm zeigt Heimat von N+Stifter Kazim Erdogan

Kazim Erdogan bei der Vernissage (Foto: Thieß)

20. Okt 2011 (ka) – 

Kazim Erdogan, N+Stifter und Initiator der Sprachwochen, stellt in einer aktuellen Fotoausstellung das ostanatolische Dorf Gökceharman vor, in dem er einst aufwuchs und das er 1974 verließ, weil er dort keine Zukunft für sich sah. Die Aufnahmen hat er 1980/81 gemacht. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Oktober 2011 im Neuköllner Leuchtturm zu sehen (Emser Straße 117, 12051 Berlin). Öffnungszeiten: Mo-Di 09:00-17:00; Mi-Fr 14:00-19:00; Sa 14:00-17:00. Die Ausstellung dauert bis zum 28. Oktober. Eintritt ist frei.

 

Wir sehen das zeitlich und räumlich so ferne ostanatolische Dorf in seinem lebendigen Zusammenhang: Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit, Häuser, Tiere und Landschaften. Eine fremde Welt steht uns gegenüber, die dann freilich durch die Einzelporträts ganz nahe kommt und unmittelbar zum Berliner Betrachtenden spricht: Der greise Bauer mit dem durchfurchten Gesicht - „erzähltes Leben“; der Mann, der mitten in allem die Hände zum Himmel wirft - „Lebensfreude“; die altgewordenen Eheleute unter dem Titel: „Zusammenhalt zwischen zwei Menschen“. Fürs Betrachten sollte man hinreichend Zeit mitbringen, damit man sich der eigentümlichen Stimmung tatsächlich auch auszusetzen kann, die aus der Mischung zwischen Melancholie und Weltvertrauen entsteht und die zu einem Geschenk für uns zumeist hastende und oft so unbehauste Metropolenmenschen werden kann.

 

In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 7. Okober 2011 berichtete Kazim Erdogan, dass das Dorf inzwischen gänzlich verlassen ist; um ihr Leben zu fristen, sind die Menschen weggezogen: Binnenwanderung sowohl als auch Auswanderung, zumeist nach Deutschland. Von 80 Häusern stehen noch zwei. Erdogans Familie aber ist entschlossen, den Ort nicht preiszugeben: Sie hat begonnen, ein neues Haus zu bauen, ein Freund baut ein zweites, und inzwischen gibt es bereits auch andere damals notgedrungen Ausgewanderte, die ebenfalls bauen wollen. Nicht alles, was den globalisierten Zeitläuften zum Opfer gefallen ist, muss definitiv verloren sein.

 

200 Menschen waren zur Vernissage gekommen, und nicht wenige haben auch materiell etwas zu sich nach Hause mitgenommen: Duplikate der Fotos, die für 10 Euro erworben werden können. Den Erlös aber hat Kazim Erdogan nicht etwa für den Aufbau von Gökceharman bestimmt, sondern für die Unterstützung der Arbeit des Neuköllner Leuchtturms. Ja, unsere Welt ist eine einzige.

 

Im Interview mit Kazim Erdogan in der Reihe N+Stifter im Gespräch beschreibt er seinen Weg von Gökceharman nach West-Berlin; er erzählt, warum dieses Dorf bleibende Heimat für ihn ist.


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