Bernhard und Karen-Kristina Bloch-Thieß

Karen-Kristina und Bernhard Bloch-Thieß

Foto: Ulrike Eickers

07. Okt 2008 – 

Seit drei Jahren hat die Emser Straße 117 einen neuen Anstrich. Mit dem „Leuchtturm“ hat das Eigentümer-Ehepaar Bloch-Thieß ein Aufbruchsignal gesetzt. Neues Leben zog in das Haus ein. Es geht wieder aufwärts in der Emser Straße. Der Leuchtturm zieht Künstler an. Die Bürgerstiftung Neukölln genießt Gastrecht. Karen und Bernhard Bloch-Thieß gehören zu den treibenden Kräften des Kiezes, sind N+Stifter der ersten Stunde und engagieren sich in vielfältiger Weise: als Mentoren, im Foto- und Kalenderprojekt, am Trödelstand. Dr. Kurt Anschütz sprach mit ihnen.

 

Kurt Anschütz: Karen, Bernhard, Ihr habt die Bürgerstiftung Neukölln mitgegründet und arbeitet hoch engagiert weiterhin mit. Und zeitgleich habt Ihr aus eigenen Mitteln den „Neuköllner Leuchtturm“ in der Emser Straße 117 aufgebaut. Innerhalb von zwei Jahren ist er zu einem kreativen Kiez-Zentrum geworden.

 

Bernhard Bloch-Thieß: Es war ein Experiment. Wir wollten sehen, ob es funktioniert, wenn nicht, hätten wir wieder zugemacht, wir sind ja unabhängig. Aber wir sind auf gutem Weg, und das Engagement macht Spaß.

 

Karen Bloch-Thieß: Etwas Positives bewirkt etwas Positives. Neukölln lag uns nahe, weil wir hier wohnen und unsere beiden Mietshäuser hier sind. Wir waren vorher nirgendwo engagiert. Wir hatten gearbeitet und gesegelt. Aber das war dann zu Ende.

 

KA: Und Euer Anfang?

 

BBT: Der begann 1944. Kind war ich in der Emser Straße beim Körnerpark, danach lebten wir in der Siegfriedstraße. 1950 gründete mein Vater unseren Familienbetrieb, eine Bau- und Möbeltischlerei, nicht weit vom S-Bahnhof Hermannstraße. Er starb früh. Ich erhielt eine Sondererlaubnis, um die Meisterprüfung mit 22 Jahren abzulegen, das war 1967. Ich war jüngster Meister, und zugleich machte ich auch die beste Meisterprüfung im damaligen West-Berlin. Gemeinsam führten meine Mutter und ich den Betrieb. Zu Beginn hatten wir drei Mitarbeiter, später dann einen Stamm von 15, zeitweilig waren wir 22. Mein ganz persönliches Ziel war: Ab 50 wollte ich längere Strecken segeln, und das habe ich auch gemacht. Mit 56 Jahren habe ich mich ganz aus dem Geschäft zurückgezogen. Es wird von meiner Tochter Anja und meinem Sohn Michael geführt.

 

KBT: Seit 27 Jahren sind wir zusammen. Aufgewachsen bin ich in Charlottenburg, dort habe ich auch gearbeitet, zunächst in der Stadtbücherei. Ab 1971 war ich beim Lastenausgleichsamt beschäftigt, ich wurde zuständig für die Feststellung von Vermögensschäden für Menschen, deren Eigentum von der DDR konfisziert worden war. Wenn es das Arbeiten nicht gegeben hätte, hätte man es für mich erfinden müssen. 1991 habe ich zum Amt zur Regelung offener Vermögensfragen gewechselt. Gearbeitet habe ich bis 2004. Zwischendurch habe ich mich allerdings zweimal drei Jahre beurlauben lassen, denn wir machten große Segelreisen mit unserem Katamaran ins Mittelmeer, nach Island und in die Karibik. 2005 war unser letztes Segeljahr, wir haben dann unser Schiff verkauft.

 

KA: Arbeit beendet und Meere befahren, ...

 

KBT: ... ja, was kann man noch machen? Ich hatte schon in meinen letzten Arbeitsjahren mit dem Ablösungsprozess begonnen und angefangen, Kunst zu machen. Schon immer war das mein Traum gewesen. Ich habe mit Collagen angefangen, danach versucht, in Öl zu malen. Und dann sahen wir in einem Wochenblatt einen Aufruf zur Gründung einer Bürgerstiftung für Neukölln. Wir wollten Näheres wissen.

 

KA: Ihr kamt zu Dritt zu unserem Stammtisch, und das Ergebnis war: Nicht nur Ihr Beide habt gestiftet, sondern gleich auch die Firma! Welch freundlicher Aufwind für uns!

 

BBT: Ja, Du hast damals zu uns gesagt: „In Neukölln muss man dicke Bretter bohren!“ Da war ich richtig, denn das hatte ich ja gelernt. Bei uns war die Situation damals so: Vor allem das Mietshaus in der Emser Straße hatte sich seit der Wende ganz unerfreulich entwickelt. Vorher hatten wir geordnete Verhältnisse, aber nun verloren viele Mieter ihre Arbeit. Einige haben gekündigt, andere haben keine Miete mehr bezahlt, die Wohnungen verslumten zum Teil. Es wurde immer schwieriger, stabile Mieter zu finden. Uns war klar: Entweder wir verkaufen, oder wir müssen etwas tun für das Haus und in Neukölln. Wir haben uns fürs Tun entschieden. Und da auch die N+Initiatoren Neukölln bessern wollten, haben wir uns engagiert.

 

KBT: Uns hat gleich gefallen, dass da nicht Deutsche etwas unter sich machen wollten, sondern dass auch Neuköllner mit türkischem, arabischem und anderem Hintergrund da waren und alle zusammen etwas auf die Beine stellten. Und dass man sich nicht nur um ein einziges Projekt kümmern wollte, sondern Raum für viele unterschiedliche hatte.

 

BBT: Bei uns waren von jeher Arbeiter aus anderen Ländern beschäftigt, ohne sie hätte sich unser Betrieb ja gar nicht so gut entwickeln können. Und wir hatten auch viele Migranten in unseren Häusern zur Miete. Man selbst ist fast überall Ausländer, das habe ich auf meinen Reisen erlebt. Was ich außerdem an der Bürgerstiftung von Anfang an positiv fand: Nicht der Staat, nicht das Bezirksamt, nicht Parteien geben den Ausschlag, sondern die Bürger helfen sich selbst. Jeder, der will, kann dazu kommen. Dass wir weiterhin so bunt gemischt bleiben, halte ich für ganz wichtig.

 

KA: Gerade auch als Hauseigentümer habt Ihr Euch also bei der Stiftung engagiert?

 

BBT: Für Neuköllner Hauseigentümer macht es doch Sinn, dass sich etwas ändert. Und gerade wenn man nicht nur an Deutsche vermieten will, muss man etwas gemeinsam machen. Wir sind ja auch nicht die einzigen Hauseigentümer, die mitgestiftet haben. Aber ich bin eigentlich enttäuscht, dass nicht doch noch mehr zur Stiftung hinzugekommen sind!

 

KA: Lässt sich Euer Zugewinn konkretisieren?

 

KBT: Wir wollten etwas Positives in unser Haus und möglichst auch in die Emser Straße insgesamt holen. Da traf es sich gut, dass die Bürgerstiftung nach ihrer Gründung dringend größere Räume brauchte und bei uns gleichzeitig eine Erdgeschosswohnung leer stand. Solche Wohnungen sind schwer zu vermieten, und heruntergelassene Jalousien sind der Tod eines Hauses. Wir haben die Wohnung, gut 60 qm, dann für die Stiftung als Büro hergerichtet und sie ihr zunächst für fünf Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt. Dadurch kam positives Leben ins Haus. Und dann haben wir eigentlich bloß noch reagiert. Denn plötzlich wurde die andere Erdgeschosswohnung frei, diese hat 125 qm. Es war ein ehemaliger Fleischerladen. Wir beschlossen, die Wohnung in eine Galerie umzuwandeln, die gleichzeitig auch der Stiftung zur Verfügung stehen sollte. Und hin und wieder wollten wir auch selbst ausstellen: Bernhard seine Fotografien, ich meine Kunst. Wir sanierten die Fassade und ließen den Leuchtturm aufbringen.

 

KA: Der Leuchtturm steht für Ankunft, für Aufbruch, ein stabiler Ort zur Orientierung ...

 

KBT: ... ja, wir haben es schon symbolhaft gemeint. Im Oktober 2006 haben wir zusammen mit der Bürgerstiftung Eröffnung gefeiert: 200 Menschen drängten sich! Durch Stiftung und Creativ Centrum wurde unser Mietshaus allmählich zur Adresse. Und jetzt sieht es so aus: Wir haben keinen Leerstand mehr. Engagierte Mieter, vor allem aus der Künstlerszene, sind eingezogen; eine Mieterin kümmert sich um den Garten. Und anlässlich der „48 Stunden Neukölln“ konnten wir gemeinsam ein Hoffest feiern, dadurch haben sich die Mieter noch besser kennen gelernt. In der Quartierszeitung „Körnerpost“ hat eben eine Mieterin vom Leben im Leuchtturm und in der Emser Straße sehr schön erzählt.

 

BBT: Es ist hier im Haus aufwärts gegangen. Aber nochmals zu Deiner Frage nach dem „Zugewinn“: Ich finde, man kann sich inzwischen über die Bürgerstiftung sehr gut vernetzen, wir sind ja jetzt etwa 120 Stifterinnen und Stifter aus allen möglichen Bereichen. Und für Geschäftsleute ist Vernetzung immer gut. Für Hauseigentümer heutzutage auf jeden Fall!

 

KA: Das Quartiersmanagement Körnerpark bescheinigt Euch, dass Euer Engagement für den Kiez insgesamt „Leuchtturmfunktion“ gehabt hat und dass „nun viele kleine Leuchttürme darum herum nachwachsen“.

 

BBT: Das Quartiersmanagement, das vor drei Jahren in den Körnerkiez gekommen ist, macht richtige Kärrnerarbeit, und das wirkt sich positiv aus. Ich selbst bin Mitglied des Quartier-Beirates. Hier gibt es inzwischen viele, die daran arbeiten, dass es aufwärts geht, nicht nur einer. Und niemand stellt die Frage: Wer ist besser? Sondern alle bemühen sich nach ihren Kräften.

 

KA: Was der Leuchtturm leistet, beweist Eure Website.

Die „Rückschau“ dokumentiert nicht weniger als 40 Ausstellungen und Veranstaltungen in nur zwei Jahren! Wenn ich an unsere Besorgnisse am Anfang denke!

 

KBT: Es war wirklich ein Experiment. Wir fingen an, ohne zu wissen, was kommt. Im Grund haben wir kaum Ahnung gehabt. Wir hofften vor allem auch auf die Unterstützung durch N+. Eine große Hilfe aus der Stiftung war uns damals Ulrich Liebchen. Er hat Ausstellungen organisiert und macht das auch weiterhin. Eröffnet haben wir mit Bernhards Fotografien „Seestücke“, ein Ergebnis unserer Segeljahre. Die Fotos haben wir dann in der Finissage versteigert; das brachte 900 Euros für den N+Förderfonds. Der Leuchtturm macht schon ein wenig mehr Arbeit als wir dachten, aber inzwischen ist vieles doch auch Routine geworden. Die Literaturgruppe und die Philosophiegruppe laufen gut, die Ausstellungen sind bis Ende 2009 festgelegt, die Vernissagen werden meist gut besucht, bei den Lesungen dürften es manchmal allerdings mehr Besucher sein. Schön ist auch, dass wir inzwischen Kooperationen mit zwei Schulen haben: Das Albrecht-Dürer-Gymnasium und die Fritz-Karsen-Schule stellen Malarbeiten, Grafiken, Skulpturen und Fotografien bei uns aus. So kommen die Schüler zu richtigen Ausstellungen und viel öffentlicher Anerkennung. Und im Kiez wird bekannt, welche Leistungen in den Klassenzimmern von Lehrern und Schülern gemeinsam vollbracht werden.

 

KA: Raus aus den Klischees über unsere Schulen!

 

KBT: Ja.

 

KA: Wünsche offen?

 

KBT: Ich hatte gehofft, dass mehr Menschen aus dem Kiez kommen, um miteinander zu reden und auch etwas miteinander zu machen. Es gibt doch so viele Einsame hier. Und ich hatte mir vorgestellt, dass mehr Migranten vom Leuchtturm Gebrauch machen würden. Wir sind für Ideen und Anfragen doch immer offen! Darum freuen wir uns, dass unser N+Stifter Kazim Erdogan jetzt jeden Montagabend eine türkisch sprechende Männer- und Vätergruppe hier versammeln will, in der über Bildung, Erziehung, Familie und Gesellschaft und andere persönlich wichtige Themen gesprochen wird. Ja, und dann würde ich auch gerne mehr renommierte SchriftstellerInnen und KünstlerInnen von anderswo einladen, damit wir ein noch größeres Publikum ansprechen. Aber das scheitert zumeist an den Honoraren und den Fahrtkosten. Für alle andere Kosten kommen wir ja selbst auf.

 

KA: Ihr sucht Sponsoren?

 

KBT: Ja, gerne! Wir sind da ganz am Anfang. Aber kürzlich hat uns die Sparda-Bank für eine Veranstaltung eine finanzielle Zusage gegeben.

 

KA: Ihr seid Beide gleichzeitig auch ganz vielfältig in der Bürgerstiftung tätig: Bernhard, Du als Organisator unserer Kalenderwettbewerbe und unserer N+Kalender, gleichzeitig hat Dich die Stiftungsversammlung zum Revisor bestellt. Gemeinsam gehört Ihr zum festen Stamm derer, die an unseren Ständen für die Stiftung werben und Trödel zu Geld machen. Und Beide habt Ihr Euch im N+Mentorenprojekt engagiert, um Hauptschüler der Kepler-Oberschule zu unterstützen. Da geht’s zentral um die Zukunft unseres Bezirks. Lasst uns darüber doch noch etwas sprechen!

 

BBT: Ja, ich habe 2006/2007 einen Schüler begleitet. Er stammt aus dem Kosovo. Er hat diese außerschulische Förderung sehr ernst genommen. Zuverlässig kam er zu unseren Verabredungen, und die Aufgaben, die wir vereinbart hatten, hat er erledigt. Ich habe mich deshalb bei dem Chef einer Baufirma persönlich dafür eingesetzt, dass dieser Junge eine Chance erhielt. Nachdem er ein zweiwöchiges Praktikum gemacht hatte, hatte dann auch die Firma den Eindruck, dass dieser Jugendliche die dreijährige Lehrzeit durchhalten würde und einen guten Abschluss machen könnte. So bekam er im Herbst 2007 die Lehrstelle. Und jetzt macht er noch freiwillig Zusatzkurse, weil er in seinen theoretischen Leistungen selbst Defizite sieht. Mir ist besonders aufgefallen, dass seine Kenntnisse der deutschen Sprache nicht ausreichend sind, obwohl er als Sechsjähriger nach Deutschland gekommen ist und in die 1. Klasse eingeschult worden war. Das darf eigentlich nicht sein.

 

KBT: Meine Mentorenarbeit war überhaupt nicht erfolgreich. Ich hatte nacheinander drei Schülerinnen, aber keine kam mehr als zweimal. Irgendwie fehlte die Motivation.

 

BBT: Das war häufiger zu beobachten, dass Schüler ihre Chance vertan haben. Das hängt auch damit zusammen, dass sie so stark schwanken zwischen überzogenem Selbstbewusstsein einerseits und zu geringem Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten andererseits. Und viele Hauptschüler haben innerlich bereits aufgegeben. Sie glauben schon nicht mehr an Erfolg, ...

 

KA: ... aber wenn sie sehen, dass andere aus ihrer Umgebung wirklich etwas erreichen, dann kann das mobilisierend wirken. Eigene Anstrengung macht dann plötzlich Sinn.

 

BBT: Das stimmt. Mein Beispiel ist die Schwester meines Mentees. Als sie den Erfolg bei ihrem Bruder erlebte, wandte sie sich von sich aus an mich, obwohl sie zu einer anderen Neuköllner Oberschule ging. Sie hatte gute Zensuren, fiel dann aber bei der Prüfung zum Mittleren Schulabschluss mit ganz überraschend schlechten Noten durch. Ich half ihr vor allem bei den Bewerbungen. Ihr Traum war, als Hotelkauffrau zu arbeiten. Sie bewarb sich hartnäckig an vielen Stellen. Sie bekam eine einzige Lehrstellenzusage, aber die war von einer Konditorei mit Bäckerei. Im September hat sie dort mit der Lehre angefangen.

 

KA: Den Traum erst mal zur Seite legen, die Realität annehmen: Da wird schon viel verlangt. Wie schön, dass wir dank der “Aktion Mensch“ nun zusätzlich auch mit einem Talente-Projekt beginnen können! Da dürfen sich Kindheitsträume Segel setzen.

 

KBT: Wir brauchen aber noch mehr Leute, die rudern!

 

KA: Immer. Jetzt aber erst mal danke!, dass Ihr Beide hier angekommen seid.

 


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