B. und Dr. H. Ristow
„Endlich zuhause“: Bärbel und Dr. Hansjürgen Ristow leben seit einem Jahr mit ihrem Hund Bonga im Rollbergviertel. Stadt und Land hat Ihnen das Zusammenleben in Gemeinschaft mit anderen ermöglicht. Sie sind Mitglied der Gruppe „Allein wohnen in Gemeinschaft“, engagieren sich in der Schülerhilfe von „Morus 14“, im Türkisch-Deutschen Zentrum und im Interkulturellen Zentrum Genezareth. Vor kurzem konnte die Bürgerstiftung Neukölln das Ehepaar im Kreis der N+Stifter willkommen heißen. Dr.<nobr>Kurt Anschütz sprach mit Bärbel und Dr. Hansjürgen Ristow über ihr Ankommen im Rollbergviertel, den sozialen Brennpunkt und den „Brennpunkt der Aktiven“.
Interview mit Bärbel Ristow und Dr. Hansjürgen Ristow
Kurt Anschütz: Ihr kommt von weither. Nun lebt Ihr im Rollberg. Erzählt Ihr vom Weg?
Hansjürgen Ristow: Ich bin Molekularbiologe und war Hochschullehrer an der Freien Universität. Mein Leben lang habe ich mich in schönen Berliner Wohngegenden wohlgefühlt. Im Ruhestand sind wir nach Mahlow gezogen, in das Haus meiner Großeltern. Wir wollten dort unser Leben beschließen. Aber da fehlte irgendetwas. Da fehlten Aufgaben, ein neuer Sinn.
Bärbel Ristow: Und ich wollte mein Leben nicht in Haus und Garten stecken. Ich bin ein sozialer Mensch und hatte keine Lust zu vereinsamen. Von Beruf bin ich Ärztin und Psychotherapeutin. Viele Jahre habe ich in der Drogenlangzeittherapie gearbeitet; von meinen Erfahrungen wollte ich noch etwas weitergeben. Gleichzeitig hatte ich einen alten Traum: Ich wollte in Gemeinschaft mit anderen leben.
Kurt Anschütz: Ihr seid zu Sechst hierhergezogen.
Bärbel Ristow: Im September 2006 lernten wir die Gruppe Allein wohnen in Gemeinschaft kennen. „AlWiG“ gab es schon seit zwei Jahren, es hat ganz schnell zwischen uns gefunkt. Allerdings sind die meisten dann nicht in den Rollberg mitgekommen, weil ihnen dieser soziale Brennpunkt nicht passte. Vier von uns sind im Sommer 2007 eingezogen, wir Beide kamen im November 2007: insgesamt zwei Paare und zwei Einzelne. Seither ist unsere Gruppe um drei weitere Personen angewachsen. Auf der Suche nach geeignetem Wohnraum hatten wir unser Projekt der Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND vorgestellt, und sie haben sehr kompetent und kooperationsbereit reagiert. Nun haben wir hier in der Falkstraße einen gemeinsamen Wohntrakt; neben unseren Einzelwohnungen haben wir eine Gruppenwohnung angemietet, in der wir uns zu Sitzungen, zum Feiern und regelmäßig zum Essen treffen.
Hansjürgen Ristow: Es gibt viele Nachfragen von Interessenten für unser Wohnprojekt. Es gab ja auch sehr viel Publicity, viel zu viel, davon habe ich jetzt genug …
Kurt Anschütz: … ja erstaunt Euch das denn? So viele Menschen sind vom Rollberg weggezogen: „Abstimmung mit dem Möbelwagen!“, hieß es immer. Ihr dagegen habt Euch um Wohnraum gerade hier beworben, und offensichtlich habt Ihr Euch inzwischen auch auf Dauer eingerichtet. Das ist doch eine gute Nachricht für ein ungeteiltes Berlin!
Bärbel Ristow: Ja, tatsächlich: „Endlich zu Hause!“ Das ist zwar der Werbeslogan von STADT UND LAND, aber nach gut einem Jahr können wir das doch nun auch für uns selbst sagen. Die Wohnbaugesellschaft hat viel getan, um die oft genug beschriebenen negativen Zustände im Viertel zu ändern. Und das Quartiersmanagement hat sehr gute Arbeit gemacht. Gemeinsam ist es ihnen weitgehend gelungen, das Viertel vor dem Abrutschen zu bewahren. Ich komme um Mitternacht nach Hause und fühle mich sicher. Wir haben kein bedrohtes Lebensgefühl, früher wäre das sicher sehr anders gewesen.
Kurt Anschütz: Rollberg – die altbekannte Welt?
Bärbel Ristow: Gar nicht. Ich bin ziemlich naiv in diese Umgebung gekommen. Ich hatte das positive Multi-Kulti-Gefühl, dass das Leben mit Menschen aus anderen Kulturen bereichernd ist. Aber die Existenz von Parallelgesellschaften habe ich so nicht gekannt. Ich habe mich sachkundig gemacht und dabei begriffen, wie verfahren die Integrationspolitik heute noch ist – eine Mischung aus Ignoranz und Hilflosigkeit. Dass man fast nur nichtdeutsche Familien in prekären Lebensverhältnissen in einem Wohngebiet zusammentut und gleichzeitig erwartet, dass hier Integration stattfinden könnte, ist total wirklichkeitsfremd und im Grunde auch ein Hammer. Da hat man doch die Verantwortung auf die abgewälzt, die sie nun gerade nicht tragen können! Eingliederung in eine gar nicht vorhandene „deutsche Welt“ – das ist doch nicht möglich! Wie gesagt: Ich wollte noch ein Stück weit gestalten. Darum sind wir hierher gezogen, und darum leben wir hier. Ich verstehe das auch als politischen Akt.
Kurt Anschütz: „Politischer Akt“ – das ist bei Euch nicht eine Behauptung, sondern Euer ganz konkreter Lebensvollzug. Nehmen wir unser Gespräch, um das im Einzelnen zu betrachten!
Hansjürgen Ristow: Auch ich habe hier erst mal mit großer Faszination die gesellschaftlichen Widersprüche registriert - ohne jedoch zu wissen, wie ich damit umgehen soll. Ich habe viel Literatur im Umfeld dieses Viertels gelesen und mir einen theoretischen Hintergrund verschafft, ich habe mich über Islam und auch über Islamismus informiert. Und dann habe ich versucht, mich integrativ einzubringen, ganz klein. So mache ich etwa bei der Schülerhilfe des Vereins Morus 14 mit. Dort unterrichte ich zwei etwa zehnjährige Mädchen, ein türkisches und ein serbisches. Das eine Mädchen ist Muslimin, das andere Christin. Sie haben schon jetzt ganz präzise Berufswünsche, sie wollen Polizistin und Tierärztin werden. Wir kommen gemeinsam gut voran. Und wir kommen sehr gut miteinander aus. Da gibt es viele aufregende Begegnungen. Ich will ein Beispiel geben, wie wir aufeinander hin zu denken beginnen. Also, ich habe den beiden Mädchen meine Frau vorgestellt. Das türkische Mädchen sagt spontan: „Ihr passt aber gut zusammen!“ Wir sitzen danach da und arbeiten an den Schulaufgaben. Und plötzlich sagt das serbische Mädchen: „Ihr passt aber wirklich gut zusammen!“ Darauf die Frage des türkischen Mädchens: „Ist das wegen der Schönheit?“ Und das serbische Mädchen antwortet: „Man muss auch miteinander sprechen können.“ Ich kann immer nur staunen über soviel empathische Beobachtung und über so viel Freude am lernenden Vergleichen. Daraus kann Selbstbewusstsein wachsen. Wir sind fremd füreinander - aber dadurch können wir füreinander auch spannend neu sein. Ja, der „politische Akt“, den wir leben wollen, ist Lebensvollzug: Gerade durch die vielfältigen Alltagsbegegnungen, die das gemeinsame Leben vor Ort mit sich bringt, kommen wir aus unseren Welten heraus – ob Jung oder Alt. Das sind konkrete Anfänge eines langen Prozesses.
Kurt Anschütz: Als Bärbel eben von „Parallelgesellschaften“ sprach, hat sie weniger auf eine selbstgewählte Abschottung von Migrantenfamilien abgehoben. Vielmehr hat sie die kulturelle und soziale Quarantäne kritisiert, die die Mehrheitsgesellschaft über die Einwandernden und Flüchtlinge verhängt hat, indem sie sie abschob - zum Beispiel vor zwanzig Jahren in das Wohngebiet Rollberg. Siehst Du das auch so?
Hansjürgen Ristow: Meine Frau hat ja Recht. Ich will Dir für die dadurch zustande gekommene Isolierung ein Beispiel geben. Wir sind hierher gezogen mit Bonga, unserem Hund. Er ist zwar ein ganz besonders toller Hund, aber faktisch ist er doch nur einer von vielen Tausend Berliner Hunden, wie Du sie überall in der Stadt triffst. Wenn ich aber hier im Rollberg am Anfang mit ihm spazieren ging, dann sind die Kinder und ihre Mütter davon gerannt, sie fürchteten sich. Der Hund war Teil einer ihnen unbekannten, vermeintlich gefährlichen Welt. Ich musste also versuchen, Vertrauen aufzubauen zwischen Kindern und Hund. Das ist mir weitgehend gelungen. Jetzt springen die Kinder auf uns zu, wenn der Hund dabei ist. Mittlerweise müssen wir den Hund schon vor den Kindern schützen! Auch dies ist wieder ein Prozess – für mich selbst ein unglaubliches Erlebnis. Ganz beglückend ist aber auch dieses scheinbar ebenfalls kleine Ereignis: Ein vielleicht neun Jahre altes türkisches Mädchen, auch aus der Schülerhilfe, durfte mit unserer Gruppe und mit Bonga einen Ausflug an die Oder machen. Am Ende des Ausflugs sagte sie, sie wolle nun doch gerne auch noch die Zunge von Bonga streicheln! „Ich war mit Bonga an der Oder!“, davon schwärmt sie immer noch.
Bärbel Ristow: Integration leben und nicht darüber reden – das sollte mein deutscher Beitrag zur Verständigung werden. Was ich darüber hinaus noch tun würde, wollte ich dann vor Ort sehen. Da Du nach dem konkreten Lebensvollzug gefragt hast: Also inzwischen bin ich tatsächlich in Manchem engagiert. Vor allem liegt mir die Arbeit mit etwa 15 Frauen am Herzen, die Deutsch sprechen lernen wollen. Einige von ihnen besuchen noch Integrationskurse, manche sind aber auch schon weiter. Wir treffen uns im Türkisch-Deutschen Zentrum in der Kindl-Brauerei. Wir lesen Bilderbücher und sprechen darüber. Oder …
Hansjürgen Ristow: … Also für mich ist diese Sprachlosigkeit zwischen den 50 Prozent der Bevölkerung und mir einfach bedrückend. Das hatte ich mir vorher so nicht vorgestellt. Ich leide unter dieser Sprachlosigkeit.
Bärbel Ristow: Ja, aber wir können doch auch etwas dagegen tun! Oder: Unmittelbar hier im Haus hat unsere AlWiG-Gruppe Kontakt zu den Mitbewohnern gesucht und dafür geworben, dass man sich freundlich begegnet. Eine Frau, die seit vielen Jahren hier lebt, war ganz verblüfft, dass sich Jemand nach ihrem Befinden erkundigt. Wir versuchen auch zwischen streitenden Parteien zu vermitteln. Wir haben da etwas dilettantisch angefangen, aber wir können ja besser werden. Wir wollen Gespräche in Gang bringen, Konfrontationen abbauen. Und natürlich ist mir auch die gute Nachbarschaft im gesamten Kiez wichtig, und darum arbeite ich, wie unsere ganze Gruppe, im Verein „Morus 14“ mit. Vor allem das wöchentliche „Mieter kochen für Mieter“ ist eine wunderbare Kontaktbörse, da treffen sich nicht allein Mieter aus vielen Kulturen, sondern es kommen auch Angestellte aus dem Rathaus, Polizisten aus dem Kiez und Gäste aus der Stadt. Und alle reden miteinander! Was mir unglaublich im Rollberg gefällt: Es gibt zwar viele Probleme, aber zugleich auch viele Instanzen, die damit umgehen und die sehr gut miteinander vernetzt sind. Und das Essen am Mittwoch hilft.
Hansjürgen Ristow: Ja, „Morus 14“ wirkt sehr positiv, der Verein ist aus dem vorigen Quartiersmanagement hervorgegangen. Es geht uns bei allem darum, die Menschen zusammenzubringen, Migranten und Deutsche. In der Schülerhilfe betreuen wir etwa 50 Kinder. Jeweils zwei Kinder lernen mit einem Erwachsenen, diese kommen teilweise auch aus anderen Bezirken. Aber immer noch gibt es Kinder auf der Warteliste! Dieser Wunsch nach Unterstützung von Seiten der Kinder ist natürlich hoch erfreulich, vor allem auch, weil ihre Eltern dahinter stehen. Denn ich mache leider die Beobachtung, dass die Schule von vielen Eltern nicht wirklich ernstgenommen wird.
Bärbel Ristow: Wir waren bei der Aufführung eines Theaterstücks von Carl Zuckmayer auf der Lessing-Höhe. Obwohl fast ausschließlich Migrantenkinder dabei waren, war von ihren Eltern überhaupt niemand gekommen. Das ist erschütternd.
Hansjürgen Ristow: Bildung ist eben für viele kein vorrangiger Wert, schon gar nicht, wenn es um die eigenen Mädchen geht. Ich habe mich deshalb auch sehr gefreut, dass unsere Schülerhilfe letzte Woche den Neuköllner Bürgerpreis erhalten hat. Die öffentliche Würdigung durch die Bürgerstiftung und die 1000 Euro Preisgeld unterstützen uns gewaltig!
Kurt Anschütz: Ja, und die Bürgerstiftung dankt der Berliner Volksbank , die uns das Preisgeld zur Verfügung gestellt hat. Ihr Beide seid ja selbst sehr schnell N+Zustifter geworden …
Bärbel Ristow: … es kam da manches zusammen. Schon vor längerer Zeit hattest Du mir einmal von Eurer Arbeit erzählt; ich fand das spannend und dachte: Ach, da sind ja auch schon Andere vor Ort, die dasselbe wollen wie wir. Später zeigte uns Manfred aus unserer Gruppe den N+Kalender, den fand ich toll. Und als ich dann vor unserem Umzug Kontakt mit der Trödelgruppe aufnahm, da kam Herr Müller-Froelich mit dem Auto nach Mahlow und hat unsere Kartons abgeholt. So konnten wir das Allermeiste sinnvoll weitergeben. Ich empfand das als eine wunderbare emotionale Unterstützung. Abschied nehmen von Büchern und Schallplatten ist ja nicht leicht. Dass wir dann auch noch zugestiftet haben, war einfach auch Ausdruck unserer Dankbarkeit, dass unser Eingewöhnen hier so gut gegangen ist. Das Stiftungs-Konzept hat mich angesprochen, es passt zu uns. Es war nicht schwer, mich zu überzeugen.
Kurt Anschütz: AlWig, Morus 14, Bürgerstiftung: Das sind drei bürgerschaftliche Kerne multiethnischer Gemeinsamkeit in Neukölln. Ein vierter ist für Euch das Interkulturelle Zentrum Genezareth, denn auch da engagiert Ihr Euch.
Bärbel Ristow: Vor allem ich, denn zu meiner Freude habe ich in Genezareth eine neue Heimat gefunden. Ich bin kirchlich sozialisiert, und in der Zeit der Friedensbewegung war ich in der Kirche hoch engagiert. Hier in Neukölln habe ich nun endlich wieder gefunden, was mir gefehlt hat: eine Kirche vor Ort. Das Konzept des Interkulturellen Zentrums begeistert mich. Denn der christliche Glaube soll hier ja nicht abgehoben gelebt werden, sondern er soll sich im Bezug zur Stadtgemeinde auswirken. Die Kirchengemeinde ist präsent in den Alltagsgeschichten, und Pfarrerin Kruse ist es ebenso. Wir sahen dieses Engagement ja beispielsweise im Herbst, als wir die große Stadtteil-Veranstaltung „Nachbar in Neukölln“ durchführten. Vor allem halte ich auch die zwischen der Kirche und der Sehitlik-Moschee begonnenen Gespräche für nötig - gerade auch, weil sie mühsam und schwierig sind. Wir dürfen uns allerdings nicht nur über die Lehrsätze der beiden Religionen unterhalten, sondern wir müssen auch zum Austausch über das konkrete Leben kommen. Dazu ist der Aufbau von Vertrauen notwendig. Gut gefällt mir deshalb, dass wir jedes Jahr das Nikolausfest gemeinsam feiern. Dieses Jahr empfand ich die Begegnung als besonders gelungen. Es war lebendiger als im Vorjahr, und die Predigt und die verschiedenen Ansprachen und Grußworte waren so aufeinander bezogen, als wären sie vorher miteinander abgestimmt worden. Ich habe festgestellt, dass wir hier wieder einen Schritt weiter sind.
Hansjürgen Ristow: Es gibt sehr viele Probleme in Neukölln, darum ist der Druck, hier anzupacken, auch besonders groß. Wir wollten kein gleichförmiges langweiliges Leben, darum sind wir ja hier und packen mit an. Neukölln bleibt noch ein „sozialer Brennpunkt“, aber es wird doch immer mehr auch zu einem Brennpunkt der Aktiven.
Kurt Anschütz: Brennpunkt nach vorn – schon fast ein Leuchtturm! Danke, dass Ihr gekommen seid!

